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28.02.2018 | Change Management | Interview | Onlineartikel

"Im Mittelstand findet ein Umdenken statt"

Autor:
Sven Eisenkrämer

Wie steht es um den deutschen Mittelstand in Sachen Digitalisierung? Kongressveranstalter und Verbandsfunktionär Michael Mattis spricht im Springer-Professional-Interview über Marketing, Prozessoptimierung, Arbeit 4.0 und Informationssicherheit. 

Springer Professional: Herr Mattis, Sie sind Mittelstands- und Digitalisierungsexperte. Wie würden Sie sagen, ist die Digitalisierung aktuell im deutschen Mittelstand angekommen?  

Michael Mattis: Der Mittelstand ist vor gefühlt zwei, drei Jahren wachgeworden. Der Mittelstand, das sind ja alles Unternehmer und Unternehmerinnen, die ihr Business selbst verantworten. Leider muss man sagen, sind die oft so mit der Tagesarbeit im Unternehmen beschäftigt, dass sie sich über strategische Dinge nicht so sehr Gedanken machen. Deswegen kann man auch heute noch viele Artikel lesen, in denen es heißt: "Der Mittelstand verschläft die Digitalisierung." Mein Gefühl ist aber, dass es eine Änderung gibt im Moment. Dass viele auch aufwachen und sehen: "Okay, ich muss jetzt was tun." Aber er hat sicher noch nicht die Beschleunigung oder die Kraft, die er bräuchte, um richtig Fuß zu fassen. Online-Marketing ist für viele noch ein Buch mit sieben Siegeln und es ist ja auch nicht wirklich einfach, sich mit Google, Facebook & Co. zu beschäftigen. Das Thema Sicherheit wird jetzt gezwungenermaßen bearbeitet. Am besten ist der Mittelstand tatsächlich im Bereich Prozesse aufgestellt. Was im Moment noch sehr schwierig ist, ist von einem bestehenden, durchaus gutfunktionierenden Geschäftsmodell überzuschwenken und sich um neue Geschäftsmodelle zu kümmern. Das ist eine ganz schwierige Aufgabe und fällt keinem leicht. Design Thinking, Projekte zu starten, et cetera. Davon hat man vielleicht mal gehört, das aber wirklich umzusetzen – eher schwierig. Wir sind ja selbst ein kleines, mittelständisches Unternehmen. Wir sind bei AMC Media Network fünf Mitarbeiter. Wir haben selbst Dinge eingeführt – ein neues ERP-System, Cloud-Telefonie, alles was irgendwie dazugehört. Das ist auch für uns nicht einfach gewesen. Ich glaube, man braucht einen gewissen Abstand vom Unternehmen, um die Sachen einzuführen und sich dem Thema zu widmen. 

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Online-Marketing und Vertriebsoptimierung, Prozessoptimierung und IT-Infrastruktur, Arbeit 4.0 und Future Thinking sowie Cyber-Security und Datensicherheit sind die Themenfelder, die Sie als Veranstalter des Digital Futurecongress am 1. März in Frankfurt hauptsächlich behandeln. Warum diese?

Wenn man sich die vier Themenbereiche anschaut, dann sind es ja keine klassischen IT-Themen, wie Serverarchitektur oder sonst was. Es sind Dinge, die in der obersten Unternehmensebene tatsächlich als Metathemen angesiedelt sein müssen, sonst funktioniert das Unternehmen nicht. Ohne einen vernünftigen Vertrieb oder ein Online-Marketing ist das Unternehmen nicht mehr zu finden. Oder das Thema Prozessoptimierung: Wer seine Prozesse nicht im Griff hat und ganz viel Papier von der Abteilung A nach B verschiebt, der wird nicht erfolgreich sein. Das dritte Thema, wir haben es mal "Future Work" genannt oder "Future Thinking", das sind Themen, die mit Arbeit 4.0 so aufgestellt sind, dass sie auch von der Basis her Managementaufgabe sind, die viel mit Personal zu tun hat. Wie nehme ich mein Personal mit, wie schule ich es, wie nehme ich die Angst vor diesen ganzen Veränderungen, die in unserem Unternehmen auftreten? Das vierte ist das wichtigste Querschnittsthema, was uns jetzt am 25. Mai sowas von um die Ohren fliegen wird: Die Datenschutz-Grundverordnung. Das haben wir seit drei Jahren immer wieder auch als Kernthema dabei. Denn ob Sie eine App programmieren, ob Sie ein ERP-System einführen oder ob Sie was auch immer umsetzen: Ohne die entsprechende Sicherheit dabei, ohne Double-Opt-in, ohne alles was dazugehört, ist das nichts wert. Weil es dann einfach umfällt und kaputt geht und einen Imageschaden hervorruft.

Nehmen wir den Punkt Arbeit 4.0 und wagen den Blick auf die Beschäftigten in den nächsten Jahren: Die Jugend von heute, die dem Klischee nach nur noch am Smartphone hängt. Wie weit, glauben Sie, ist gerade im Mittelstand das Umdenken gefordert, um die Arbeit ganz neu auszurichten?

Ich will es mal so sagen: Die Stärke des deutschen Mittelstandes ist sicher nicht eine Kopie einer Arbeitsumgebung, wie sie vielleicht Google-Mitarbeiter haben. Bunte Büros, Sofas, Beine hochlegen und mit einem Laptop irgendwie irgendwo arbeiten. Ich glaube, das ist eine andere Denke. Das macht die Stärke des deutschen Mittelstands aus: Sehr konzentriert in Strukturen zu arbeiten. Das gibt dem Ganzen eine hohe Stabilität. Auf der anderen Seite kommt jetzt eine Generation in die Unternehmen, die andere Bedürfnisse hat. Auch da kann man feststellen, findet ein Umdenken statt. Doch ob da die Prozessgeschwindigkeit, das Umsetzen, dem von großen Unternehmen und Konzernen gewachsen ist, weiß ich nicht genau. Aber ich glaube auch nicht, dass das die richtige Lösung wäre für den Mittelstand. Durch die Führung in den Unternehmen, also den verantwortlichen Unternehmern, geht noch mal eine andere Schwingung ins Unternehmen. Die Leute spüren: Das ist unser Unternehmen und wir werden hier nicht irgendwie durchgezogen. Hier muss schon jeder schauen, dass er im Unternehmen engagiert dabei ist, sonst funktioniert es nicht. Bei Arbeit 4.0, Telearbeit, Arbeit von zu Hause oder mobiles Arbeiten oder auch flexible Arbeitszeiten, ist schon sehr viel passiert, doch das ist sicher noch nicht zu Ende.

Und wenn Sie jetzt die ältere oder "mittelalte" Generation nehmen, die derzeit in diesen Unternehmen arbeitet: Wie schwierig ist es, besonders im Bereich IT-Sicherheit, diese Mitarbeiter mitzunehmen und dass die Digital Natives mit den älteren Generationen gut miteinander arbeiten können?

Grundsätzlich glaube ich, ist es wichtig, dass von allen Seiten ein gutes Verständnis füreinander da ist. Es gibt entsprechende Schulungsmaßnahmen. Wir selber haben hier im Kreisverband (Darmstadt im BVMW, d. Red.) 120 Mitgliedsunternehmen. Davon beschäftigen sich einige Unternehmen auch mit IT-Security und sind im Forschungsbereich ganz vorne mit dabei. Andere wiederum bieten deutschlandweit Schulungen an, was stark in das Awareness- und in das Compliance-Thema reinspielt. Wir sprechen also gar nicht mehr so über IT-Sicherheit, sondern über Informationssicherheit. Da passiert schon eine ganze Menge. Die Mitarbeiter werden mitgenommen. Das ist ja auch gesetzlich gefordert. Wenn ich mehr als zehn Mitarbeiter habe, muss ich Datenschutzschulungen durchführen, ich brauche einen Datenschutzbeauftragten. Da können sich die Unternehmen nicht zurücklehnen. Doch wenn man die Gespräche führt über die neue Datenschutzgrundverordnung, da ist schon sehr viel Unverständnis zu vernehmen, Zweifel auch. Wichtig ist ja auch die Frage, was das mit Gründern macht. Man geht mit einem Unternehmen mittlerweile ein relativ hohes Risiko ein. Wenn ich irgendwo angestellt bin, dann habe ich eine ganz andere Situation als wenn ich auf einmal vielleicht sogar in der eigen Haftung bin, nur weil ich hier eine Excel-Tabelle mit personenbezogenen Daten auf meinem Rechner habe, die ich nicht Nutze – was in dem Moment schon strafbar ist. Das sind Situationen, bei denen viele den Kopf schütteln. Ich auch im Übrigen. Da denke ich, das ist vielleicht ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen.

Datenschutzgrundverordnung, ein ganz großes Thema. Stichtag ist im Mai. Da kommt etwas ganz Großes auf uns zu. Wie ist der Mittelstand denn genau darauf vorbereitet?

Der Mittelstand ist da noch überhaupt nicht drauf vorbereitet. Das ist ein Thema, das mir sehr wichtig ist. Wir hier bei AMC Media Network, klar wir sind ein Veranstalter einer Kongressmesse. Aber wir sind selbst Mittelständler und wir sind auch hier die Kreisgeschäftsstelle des BVMW, des größten Bundesverbands mittelständischer Wirtschaft. Und ich sehe es ein bisschen auch als Pflicht, ich sehe es für mich auch als eine Leidenschaft, diese Unternehmen aufzuwecken und ihnen eine Plattform zu geben. Einmal für Vernetzung, aber auch für Information. Wir haben für den Digital Futurecongress Arne Schönborn, Präsident des BSI, aus Berlin eingeladen und er kommt, was mich sehr freut. Wir haben sehr gute Speaker. Wir haben die Bühne vier gespickt mit wirklich tollen Experten. Auch das Thema Datenschutzgrundverordnung wird umfangreich behandelt. Es gibt beispielsweise Workshops zu dem Thema. Mehr kann man an einem Tag, glaube ich, nicht rund um die Datenschutzgrundverordnung bekommen an Expertise und an Ansprechpartnern, um es in seinem Unternehmen aufs Gleis zu setzen.

Der Digital Futurecongress hat seit diesem Jahr ja auch einen neuen Namen. Woher stammte das alte "IT & Media Futurecongress" und wie kam es zu der Änderung?

"IT & Media", dieser Namen ist schon vor sechs, sieben Jahren entstanden. Es ist so, dass dieses Thema "IT" auch heute noch so eine etwas verstaubte Erinnerung hervorruft. Viele Leute verbinden mit "IT" eher Software, Kabel, Server. "Digitalisierung" und "digital" und "Futurecongress" beinhalten zwei ganz andere Dinge. Nämlich dass sich Geschäftsmodelle ändern und dass die IT, die darin ja immer noch enthalten ist, eigentlich nur noch Mittel zum Zweck ist. Nämlich, um Geschäftsmodelle zu optimieren oder auch ganz neu aufzustellen. Das bedeutet wiederum, dass es nicht mehr nur eine IT-Administratorenaufgabe ist, sondern dass es eine Geschäftsführungsaufgabe geworden ist. Und das hat sich in den gefühlt letzten zwei Jahren extrem beschleunigt. Deswegen der Wechsel zu einem neuen Namen, was im Markt im Übrigen auch sehr gut ankommt. Die Leute sagen: Das ist endlich der richtige Name für die Veranstaltung.

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