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09.09.2020 | Elektromobilität | Interview | Onlineartikel

"Wir befinden uns mitten im Durchbruch der Elektromobilität"

Autor:
Christiane Köllner
7 Min. Lesedauer

Reev ist ein junger Dienstleister, der Elektromobilität unkompliziert verfügbar machen will. Springer Professional sprach mit Eduard Schlutius über intelligente Ladelösungen für Elektroautos. 

Springer Professional: Herr Schlutius, Sie sind Gründer und Geschäftsführer des E-Mobilitäts-Dienstleisters reev aus München. Ihr Kerngeschäft ist die Entwicklung von Softwarelösungen für Ladestationen. Welche Strategie verfolgen Sie mit Ihrem Geschäftsmodell?

Schlutius: Wir arbeiten mit dem Leitgedanken, die Einstiegsbarrieren der Elektromobilität zu senken. Deswegen schaffen wir mit unserer Software eine einfache Ladelösung, die wirklich für jeden anwendbar und vor allem nutzerfreundlich ist. Wir haben schnell gemerkt, dass wir bereits beim Aufbau von Lademöglichkeiten ansetzen müssen. Denn es ist dringend notwendig, die Komplexität der Installation von intelligenten Ladelösungen zu reduzieren. Unser System ist einfach zugänglich. Wir ermöglichen es, dass Elektriker die intelligenten Ladestationen mit wenig Aufwand installieren und vor Ort in Betrieb nehmen können – ohne aufwendige Konfiguration.

Sobald die Ladestation hängt, braucht es eine cloudbasierte Ladeplattform, die intuitiv bedienbar ist und individuellen Anforderungen angepasst werden kann. Diese Flexibilität ist wichtig, um eine zukunftssichere Lösung zu bieten, die mit den rasanten Entwicklungen der Mobilitätswende mithalten und sich weiterentwickeln kann.

Eckpfeiler ist unsere Software, die ermöglicht, dass unsere Kunden einfach und transparent einen eigenen Ladetarif anlegen und einzelne Nutzergruppen definieren können. Wir rechnen alle Fahrer vollautomatisiert ab und übernehmen alle Prozesse im Hintergrund. Im Betrieb ziehen wir die Zahlungen ein, schreiben den Betreibern die monatlichen Einnahmen gut und stellen durch unseren Remote-Service und regelmäßige Softwareupdates eine zuverlässige Verfügbarkeit der Ladestationen sicher. 

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08.06.2020 | Originalarbeit | Ausgabe 4-5/2020

Integration des eMobility-Demands in das lokale Energiesystem – Ansätze und Realisierungen

Mit dem weiteren Markthochlauf der E-Mobilität und dem damit verbundenen konsequenten Ausbau an privater sowie öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur steigen auch die Herausforderungen im lokalen Energiesystem. Vor allem dort, wo eine Konzentration an Ladestationen innerhalb einer elektrischen Anlage stattfindet, z. B. im Wohnbau, in Parkgaragen oder an Firmenparkplätzen, muss bereits bei der Anschlussplanung auf eine ressourcenschonende Netznutzung geachtet werden.

Sie haben mit reev zum Beispiel das Mitarbeiter-Parkhaus des Maschinenbaukonzerns Trumpf in Baden-Württemberg umgesetzt. Dort können die Mitarbeiter, Kunden und Gäste an ABL-Wallboxen laden, die über ein reev-Backend gesteuert werden. Was waren die größten Herausforderungen bei der Planung und Umsetzung?

Da das Trumpf-Parkhaus komplett neu gebaut wurde, hatte das Projekt schon zu Beginn die besten Voraussetzungen und konnte im Hinblick auf Kosten und Nutzen effizient geplant werden. Wir hatten den großen Vorteil, schon in der Planung alle nötigen Zuleitungen für die Ladeinfrastruktur einbinden zu können. Denn ein wichtiger Aspekt war, das Ganze vorausschauend zu konzipieren, um bestmöglich auf die Mobilitätswende vorbereitet zu sein und das Parkhaus zukunftssicher zu machen. Bisher stehen knapp 90 Ladepunkte bereit. Von Seiten Trumpf hatten wir bei diesem Projekt sehr viel Unterstützung. So konnten alle wichtigen Aspekte frühzeitig berücksichtigt und aufkommende Hürden schnell und unbürokratisch gelöst werden.

Anders kann das bei der Nachrüstung von Bestandsgebäuden mit teilweise geteilter Nutzung aussehen. Bei solchen Projekten ist alleine die Planung teils aufwendiger. Beispielsweise müssen Eigentümer, Elektrotechnik, Nutzergruppen, der grundsätzliche Bedarf und vieles mehr bereits vor der finalen Beauftragung eng abgestimmt werden. 

Das Laden im Unternehmen ist eine komplexe Angelegenheit, da die Ladestationen von unterschiedlichen Nutzergruppen verwendet werden. Wie lässt sich diese anspruchsvolle Fuhrparksituation im Unternehmen abwickeln? 

Die vielen verschiedenen Nutzergruppen benötigen unterschiedliche Autorisierungs-, Zahlungs- und Abrechnungsmethoden. Zum einen sind es Mitarbeiter, die ihre Privatfahrzeuge kostenpflichtig laden müssen. Zum anderen Dienstwagen beziehungsweise Poolfahrzeuge, die zur internen Verrechnung lediglich dokumentiert werden. Außerdem kommen noch Kunden oder andere Gäste hinzu, die nicht regelmäßig, sondern eher spontan Laden und für Ladevorgänge in der Regel bezahlen sollen. Nutzer können also Personen oder Fahrzeuge sein, die entweder bekannt oder unbekannt sind, und die entweder regelmäßig oder spontan laden.

Durch Ladestationen mit Backend-Zugang in Kombination mit einer intelligenten Software, die auf das Laden im Unternehmenskontext spezialisiert ist, lässt sich das einfach managen. So wird es möglich, die unterschiedlichen Nutzer zu verwalten und mit verschiedenen Tarifen abzurechnen. Zum Beispiel, wenn Mitarbeiter günstiger laden sollen als Gäste. Oder, wenn Poolfahrzeuge kostenlos laden und nur auf Kostenstellen verrechnet werden. In unserem System können die Betreiber die Tarife sogar selbst bestimmen. 

Kunden und Gäste nutzen zum Laden das gängige eRoaming oder die Möglichkeit des sogenannten spontanen Ad-hoc-Ladens. Hier wird direkt nach dem Ladevorgang per Kreditkarte gezahlt, während Mitarbeiter nur einmal im Monat eine gesammelte Rechnung erhalten. Das Unternehmen ist vom operativen Betrieb befreit. Wir wickeln die Freischaltungen und Abrechnungen für alle Nutzergruppen ab und schreiben dem Unternehmen die Einnahmen gut. 

Zusätzlich zum Laden im Unternehmen kommt auch immer häufiger die Anfrage nach Ladestationen bei den Dienstwagen-Fahrern zu Hause. Gerade haben wir für die ersten Kunden dieses Szenario umgesetzt und stellen jetzt über unsere zentrale Software sicher, dass die Mitarbeiter am Ende des Monats den geladenen Strom rückvergütet bekommen. 

Wie unterscheidet sich das Laden im Unternehmen vom Anwendungsfall "Laden für Mehrfamilienhäuser"?

Das Laden in Mehrfamilienhäusern hat vor allem ein anders Setting, obwohl die Lösung der Anforderungen ähnlich ist. Außerdem stehen Mehrfamilienhäuser oft in Verbindung mit Immobilienverwaltern, die Ladestationen mehrerer Wohnobjekte zentral verwalten wollen. Im Grunde haben wir auch beim Mehrfamilienhaus den Anwendungsfall wiederkehrender Nutzer. Dies ist der Lösung für das Mitarbeiterladen in Unternehmen sehr ähnlich. Im Unternehmen nutzen wir in der Regel den zentralen Stromzähler der Firma für die Ladevorgänge. Die Fuhrpark- beziehungsweise Facilitymanager verwalten das System selbstständig. 

Im Mehrfamilienhaus haben wir dagegen drei primäre Unterschiede: Zum einen bringen wir einen eigenen Stromzähler mit, der getrennt von den Wohnungen läuft. Dadurch zahlen wirklich nur die Nutzer der Ladestationen. Zweitens gibt es bei Mehrfamilienhäusern in der Regel keine zentrale Verwaltung, die sich um die Ladestationen kümmert. Also übernehmen wir den Betrieb inklusive Support für die Mieter sowie die Wartung der Ladestationen. Zuletzt liegt beim "Laden für Mehrfamilienhäuser" die Herausforderung darin, dass der Bedarf kontinuierlich wächst. Deswegen haben wir spezifisch hierfür einen optimierten elektrotechnischen Aufbau entwickelt, der die Gebäudeinstallation speziell vorbereitet und "eMobility ready" macht. Dies ermöglicht uns, die Ladestationen zu einem standardisierten Preis einzeln und je nach Bedarf an die Mieter/Eigentümer zu verkaufen und zu installieren. 

Nutzen Sie bereits künstliche Intelligenz (KI) für das Lademanagement? Inwiefern kann KI es optimieren?

Unser Lademanagement sieht aktuell vor, den verfügbaren Strom einheitlich auf die Fahrzeuge zu verteilen. Da wir das Ladeverhalten unserer Nutzer kennen, ist eine intelligente Verteilung der Leistung naheliegend. So können wir im Hintergrund entscheiden, welches Fahrzeug mit höchster Priorität geladen werden muss, ohne dass ein aktives Eingreifen der Betreiber und Fahrer nötig wird. Im Unternehmensfall sind das vor allem Service oder Vertriebsfahrzeuge, da diese meist nur für wenige Stunden am Standort stehen. Aktuell sehen wir diesen Bedarf bei unseren Kunden aber noch nicht. Für uns ist es im ersten Schritt wichtig, dass es im Gebäude zu keinem Blackout kommt. Alle weiteren Funktionen entwickeln wir über die Zeit mit unseren Kunden weiter und stellen sie über einfache Online-Updates zur Verfügung. 

Um den Marktdurchbruch der Elektromobilität zu schaffen, kommt es auf eine ausreichende Ladeinfrastruktur an. Wann findet der Durchbruch in Deutschland statt?

Wir befinden uns schon mitten im Durchbruch der Elektromobilität. Im Juli hatten wir ein Rekordhoch von Umweltbonus-Anträgen zur Förderung von Elektroautos. Das mögen zwar die Corona-bedingten Förderungen ausgelöst haben, es zeigt sich aber deutlich, dass die Elektroautos endlich in genug Quantität aber auch Varianz auf den Markt kommen. Bei den Ladestationen erleben wir einen ähnlichen Trend. Und mit der Nachfrage nach Fahrzeugen steigen auch unsere Vertriebszahlen seit Monaten stark an. 

Die öffentliche Ladeinfrastruktur wurde in den letzten Jahren in vielen Bereichen schon sehr gut ausgebaut und es gibt in diesem Markt viele etablierte Lösungen mit einer immer weiter steigenden Anzahl an öffentlichen Ladepunkten. 

Die zentralen Bereiche, die nun sehr schnell weiter ausgebaut werden müssen, sind vor allem das Laden am Arbeitsplatz und das Laden zu Hause. Dafür braucht es individualisierbare, transparente und vollautomatisierte Ladelösungen, die einfach installiert werden können. Inzwischen ist die eMobility an einem Punkt, an dem statt einer Katz-und-Maus-Jagd zwischen Ladestationen und Elektrofahrzeugen ein parallel ansteigendes Wachstum stattfindet. 

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