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30.01.2024 | Gesundheitsprävention | Schwerpunkt | Online-Artikel

Wenn Arbeit die Psyche verletzt

verfasst von: Michaela Paefgen-Laß

5 Min. Lesedauer

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Leidet das seelische Wohlbefinden, leiden die Leistungsfähigkeit und die soziale Teilhabe mit. Auch im Job gerät die Psyche zunehmend unter Druck und gehört deshalb vor Gefährdungen geschützt.

Depressionen können viele Gesichter und Ursachen haben. Gleichzeitig gehören sie zu den meist übersehenen und unterschätzen psychischen Krankheiten, obwohl sie allgegenwärtig sind und an Häufigkeit zugenommen haben. Über alle Bevölkerungs- und Altersgruppen hinweg haben sich depressive Symptome wie Interessensverlust oder Niedergeschlagenheit im auffälligen Wertebereich innerhalb von vier Jahren verdoppelt. 

Das gibt der jüngste Quartalsbericht (3/23) der "Mental Health Surveillance" (MHS) des Robert Koch Instituts (RKI) bekannt. Die seit dem Jahr 2019 laufende engmaschige Erhebung stellt monatlich aktualisierte Beobachtungsdaten über die psychische Gesundheit der in Deutschland lebenden erwachsenen Bevölkerung zur Verfügung. 

Nur wenige Deutsche fühlen sich mental "ausgezeichnet"

Indikatoren für eine beginnende Depression sind: nachlassendes Interesse oder wenig Freunde an Tätigkeiten, Niedergeschlagenheit, Schwermut oder Hoffnungslosigkeit. 

Als behandlungsbedürftig gilt sie, wenn charakteristische körperliche, psychische und verhaltensbezogene Beschwerden auftreten, die die Betroffenen gravierend und langfristig verändern. Die individuellen und gesellschaftlichen Folgen sind von großer Bedeutung: Langzeit-Abwesenheit am Arbeitsplatz, Frühverrentung, Suizid. (RKI)

Unter Depressionen litten den Zahlen des MHS zufolge Mitte Oktober 2023 rund 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, Frauen etwas häufiger als Männer (20,6 zu 19,8 Prozent). An Angstsymptomen, Nervosität und unkontrollierbaren Sorgen gut 13 Prozent. Die eigene psychische Gesundheit bezeichnen nur knapp 37 Prozent der erwachsenen Bevölkerung als "sehr gut" oder "ausgezeichnet".

Dauerhaft überbelastet: Vor Stress lässt sich nicht weglaufen

Depressionen und Ängste können durch emotionalen Belastungen, traumatische Erlebnisse oder chronischen Stress im Job ausgelöst werden. Dabei ist Stress ursprünglich ein gesunder Überlebensmechanismus, der sämtliche Kräfte mobilisiert, um vor drohender Gefahr fliehen zu können.

Stress kann sich aber auch gegen die Gesundheit wenden. Das ist dann der Fall, wenn die Stressreaktion entweder traumatisch stark ausfällt oder wenn sie über einen langen Zeitraum immer wieder auftritt, ohne dass eine nachhaltige Erholung oder Auflösung der Situation eintritt. (Nico Dragano in: Arbeit und Gesundheit, Seite 208)

Mehr als ein Viertel (84 Prozent) aller Beschäftigten in Deutschland sind einem mittleren bis hohen Stressniveau ausgesetzt. Das ergab die International Workforce and Wellbeing Mindset Studie 2023 von Alight mit Teilnehmenden aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und den USA. 

Deutsche Beschäftigte überdurchschnittlich gestresst

Im Vergleich zum Vorjahr ist der Wert um fünf Prozent gestiegen und wird von keinem der anderen europäischen Länder übertroffen. Die hohe Belastung führt dazu, dass 37 Prozent weniger motiviert sind, gute Arbeit zu leisten. Bei der Entscheidung für einen neuen Job gibt für mehr als jeden zweiten (56 Prozent) die Aussicht auf verbessertes mentales Wohlbefinden den Ausschlag. 

Außerdem interessieren sich 29 Prozent für Programme zur mentalen Gesundheit - das sind 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Zugang zu Dienstleistungen und Unterstützungsprogrammen für psychische Stabilität haben allerdings nur zehn Prozent. Wie also können Unternehmen das mentale Wohlbefinden ihrer Beschäftigten schützen und gefährdende Belastungen reduzieren?

Mentales Wohlbefinden durch Stressabbau

Gerät die Psyche aus dem Gleichgewicht, benötigen Beschäftigte regelmäßige Phasen der Ruhe und Erholung. Denn nur Erholung, so schreibt Springer-Autorin Laura von Gilsa, gleicht den Ressourcenverbrauch aus und wirkt auf die Psyche motivierend sowie leistungssteigernd (Seite 332). Doch abschalten ist schwer, besonders nicht bei digital vernetzter Arbeit oberhalb der mentalen Dauerbelastungsgrenze. Dafür sorgen die fließenden Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben im Homeoffice oder das Gefühl ständige Erreichbarkeit, um Erwartungen zu erfüllen. Wirtschaftliche Unsicherheiten, Leistungsdruck und Transformationsprozesse, die verstanden werden müssen, tun ihr übriges, um die Psyche zu strapazieren.

Raum für Erholung ermöglichen

Organisationale Erholung kann durch Mikro-Pausen von wenigen Minuten im Wechsel mit längeren Arbeitspausen erzielt werden. Activity-based working, wie von Springer-Autorin von Gilsa vorgeschlagen, gibt Beschäftigten die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wie und wo sie arbeiten oder pausieren wollen. Das Konzept beinhaltet verschiedene Spielarten für den Erhalt der mentalen Gesundheit am Arbeitsplatz (Seite 335):

  • Acitivity-related workspaces:  Fokusräume, Meetingplätze, Areale für sozialen Austausch und Entspannungszonen
  • Concentration spaces: um fokussiertes Arbeiten zu ermöglichen
  • Breakout rooms: mit gemütlichen Sitz- und Liegeflächen zum Entspannen
  • Vitality zones: etwa mit Tischtennisplatten für Bewegung
  • Bürogestaltung: die Möglichkeit, den eigenen Arbeitsplatz nach individuellen Präferenzen zu gestalten 

Gesundheitsschutz ist Arbeitgeberpflicht

Die Arbeitsgestaltung sowie die Umsetzung von Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz ist primäre Aufgabe von Arbeitgebern. Dies gilt unabhängig von Betriebsgröße bereits ab dem ersten Mitarbeitenden. Die Beurteilung der Gefährdung durch psychische Belastung ist seit dem Jahr 2013 im Arbeitsschutzgesetz §5, Absatz 3, Nr.6 geregelt. Trotzdem hinkt sie in der Praxis noch immer hinter der Beurteilung der körperlichen Belastungen hinterher. Das ergibt die jüngste Betriebs- und Personalrätebefragung durch das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI). 

Zum Vergleich: An die gesetzliche Pflicht, jährliche Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen, halten sich 91,9 Prozent aller befragten Betriebe. Gesundheitsgefährdende psychische Belastungen wurden aber nur in 63,4 Prozent der Betriebe vollständig, in 20,1 Prozent teilweise und in 13,7 Prozent überhaupt nicht berücksichtigt. 

Der Gefährdungsbeurteilung Psyche kommt dabei zur Aufdeckung belastender Arbeitsbedingungen eine besondere Rolle zu. Gerade mit Blick auf den demografischen Wandel ist eine nachhaltige, gesundheitsfördernde und alternsgerechte Gestaltung von Arbeit unabdingbar. (WKI-Report Nr. 89).

Betriebe vernachlässigen psychische Gefährdung

Selbst wenn das Gefährdungspotenzial etwa von Mobbing oder chronischem Zeitdruck identifiziert und erfasst wurde, bleibt die tiefergehende Analyse der Belastungen meist aus, kritisiert der WSI-Report weiter. Wo vorhandene oder potenzielle Gefährdungen aber nicht hinterfragt werden, bleiben Gegenmaßnahmen aus. So gibt nur jeder zweite Betriebs- oder Personalrat an, dass Beschäftigte bei der Beurteilung von psychischen Gefährdungen sowie in die Lösungsfindung aktiv eingebunden werden. Die andere Hälfte arbeitet die Belastungen pauschal ab, ohne Beteiligung der Beschäftigten. Letztlich werden nicht einmal in jedem dritten Betrieb (30,4 Prozent) die ermittelten Maßnahmen zur Verringerung der Arbeitsbelastung umgesetzt.

Die Gesundheitsförderung sieht den Arbeitsplatz als Lebenswelt und Versuche die Gesundheit zu verbessern, müssen sich der Komplexität dieser Lebenswelt annähern, um erfolgreich zu sein. [...] Wenn Unfälle vermieden werden sollen, reicht es eben nicht, den Beschäftigten Vorgaben zum Tragen von Schutzkleidung zu machen. Darüber hinaus muss sichergestellt werden, dass die Vorgaben auch verstanden werden und im Arbeitsalltag durchführbar sind (Zohar 2010). (Nico Dragano in: Arbeit und Gesundheit, Seite 214)

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