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05.12.2016 | Projektmanagement | Interview | Onlineartikel

"Produkte werden in einem frühen Projektstadium virtuell entwickelt"

Autoren:
Andrea Amerland, Christiane Köllner
4 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Reinhard Wagner

hat sich als Berater auf das Projektmanagement in der Automobilbranche spezialisiert.

Prozesse sind im Automotive-Projektmanagement besonders wichtig. Aber durch die Digitalisierung steigen die Anforderungen an Skills und Innovationsgeschwindigkeit. Der Projektmanager wird dabei zum Brückenbauer, so Reinhard Wagner im Gespräch.  

Springer Professional: Was unterscheidet das Projektmanagement in der Automobilbranche von anderen Branchen?

Reinhard Wagner: Die Projekte in der Automobilindustrie zielen typischerweise auf eine große Stückzahl ab, die durch viele Unternehmen entlang der automobilen Supply Chain erbracht werden und einem hohen Innovationsdruck unterliegen. Deshalb spielen Prozesse im Automotive-Projektmanagement eine große Rolle. Ziel der Prozesse ist es, eine hohe Sicherheit in den Wiederholtätigkeiten von Produktentwicklung und -herstellung zu erzielen sowie Rückrufaktionen zu vermeiden. Prozesse spielen auch eine wesentliche Rolle bei der Integration aller Beteiligten. Mit Hilfe von Meilensteinen oder Quality Gates im Prozessverlauf synchronisiert das Projektmanagement die Beteiligten bis die erforderliche Prozessreife  erreicht wird und sucht kontinuierlich nach Möglichkeiten, die Effizienz zu verbessern. Innovationen werden in separaten Projekten bis zur Serienreife entwickelt und erst dann in die Serienprozesse beziehungsweise Produkte übernommen.

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Und wie verändert die Digitalisierung das Management von technischen Entwicklungen?

Produkte werden in einem frühen Projektstadium virtuell entwickelt, erprobt und zusammengebaut, um Kosten und Risiken in realen Prozessen zu sparen. Da Projekte heute überwiegend mit internationalen Partnern realisiert werden, findet die Zusammenarbeit in Projekten über elektronische Medien und in der Cloud statt. So stehen Ressourcen und Ideen aus vielen Ländern zur Verfügung. Auch die Interaktion mit dem Endkunden ist durch die Digitalisierung leichter möglich. So können die Informationen aus einem Konfigurator genutzt werden, um Kundenwünsche hinsichtlich Konfiguration, Farbe und Ausstattung in neue Produkte einfließen zu lassen oder Rückmeldungen aus Werkstätten und Kundenforen für neue Services zu nutzen. Damit steigen natürlich die Anforderungen an das Projektmanagement, moderne Medien in die Projektarbeit einzubinden und selbst verstärkt zu nutzen.

Die Big-Data-Player der IT-Industrie wie Google oder Apple spielen künftig in der Wertschöpfungskette der Automobilindustrie eine wichtige Rolle. Was unternimmt die Autoindustrie, um dem Druck der neuen Player standzuhalten?

Ich sehe einen großen Unterschied zwischen den disruptiven Effekten, die Apple, Google & Co. in der Branche auslösen und die tatsächliche Rolle, die sie spielen. Die in mehr als 100 Jahren aufgebaute Massenproduktionskompetenz können diese Unternehmen nicht aufbauen. Vielleicht werden sie sich mit etablierten Playern zusammentun, es gibt aber auch schon wieder Signale, dass sich Apple aus den wagemutigen Projekten zurückzieht. Durch die Dominanz in den Bereichen Big Data und Connectivity sind diese Unternehmen sicherlich ein ernst zu nehmender Technologiepartner für die Branche, insbesondere wenn es um Services geht. Allerdings wird das nur in Zusammenarbeit mit etablierten Playern geschehen. Insofern müssen sich alle Unternehmen über eigene Grenzen und Technologien hinweg zusammentun und Mehrwertangebote für die Kunden entwickeln.

Welche Rolle spielen dabei agile Methoden?

Agile Methoden haben schon seit mehr als zehn Jahren Einzug in das Management und damit auch ins Projektmanagement gehalten. Sie ergänzen die herkömmlichen Methoden und erlauben in Bereichen wie etwa der Vor- und Softwareentwicklung, Produkte schneller reif zu machen und zudem eine flexiblere Reaktion auf sich ändernde Markt- und Kundenerwartungen. Die Kunst bei Automobilherstellern und -zulieferern besteht nun darin, herkömmliche und agile Projektmanagementansätze miteinander zu kombinieren. Dies geschieht über eine Synchronisation an den Meilensteine. Bei der Einführung von agilen Methoden ist allerdings darauf zu achten, dass auch die Voraussetzungen dafür geschaffen sind. So sind die Entwickler zu mehr Eigeninitiative aufgefordert, sie müssen sich zunehmend selbst organisieren, mehr kommunizieren und dürfen das große Ganze nicht aus dem Auge verlieren. Hier gilt es meiner Meinung nach in der Automobilindustrie noch viel zu tun.

Und welche Skills sollte ein Projektmanager mitbringen, um diesen Herausforderungen gewachsen zu sein?

Die Kompetenzanforderungen an Projektmanager steigen in den letzten Jahren kontinuierlich an. Neben den Prozessen und Methoden des Projektmanagements müssen Projektmanager zunehmend auch über Soft Skills verfügen, einerseits um das Projektteam zu formen und zu führen, andererseits um die Vielzahl der Stakeholder im eigenen Unternehmen sowie bei den beteiligten Partnern besser aussteuern zu können. Durch die Globalisierung spielen auch interkulturelle Skills eine wichtige Rolle. Da Projekte keine Inseln sind, muss der Projektmanager viele Brücken bauen. Das schließt auch ein, die Brücke zur Strategie des Unternehmens zu bauen und die Projektziele mit den strategischen Zielen zu verbinden. Der Kampf um knappe Ressourcen erfordert vom Projektmanager auch den Brückenbau zu Fachabteilungen und Partnern, um die Projektarbeit effektiv und effizient zu gestalten. Schließlich gilt es auch, die Kultur der Projektarbeit auf die Kultur des Unternehmens und andere kulturelle Einflüsse abzustimmen. All dies setzt kontinuierliches Lernen voraus.

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