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Über dieses Buch

Das Buch versammelt historisch sowie systematisch wichtige Texte der Netzwerkforschung und bietet anhand kurzer und prägnant aufbereiteter Zusammenfassungen eine Einführung in die Thematik. Die einzelnen Beiträge diskutieren für jedes Schlüsselwerk drei Aspekte: Es wird erläutert, in welchem Diskussions- und Forschungszusammenhang das Werk entstanden ist und welchen Beitrag es zur Entwicklung der Sozialen Netzwerkanalyse geleistet hat. Darüber hinaus werden der Inhalt und die zentralen Thesen des Buches oder des Artikels dargestellt. Abschließend werden die Rezeption des Werkes und sich daran anschließende weitere Entwicklungen beleuchtet.
Der InhaltDie Schlüsselwerke wissenschaftlicher Artikel und Bücher zur Analyse sozialer Netzwerke – umfassend und gut lesbar aufbereitet.
Die HerausgeberProf. Boris Holzer, Ph.D., lehrt Allgemeine Soziologie und Makrosoziologie an der Universität Konstanz.Prof. Dr. Christian Stegbauer lehrt am Institut für Soziologie an der Universität Frankfurt am Main.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung: Wozu Schlüsselwerke der Netzwerkforschung ?

Für die Netzwerkforschung stellt sich die soziale Wirklichkeit als ein Geflecht sozialer Beziehungen dar. Sie untersucht die Bedeutung von Beziehungen, ihre Genese und Dynamik, ihre Regeln und ihre Konsequenzen. Erste Ansätze des Netzwerkdenkens reichen schon mehr als ein Jahrhundert zurück, doch die Forschung in diesem Gebiet hat erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Fahrt aufgenommen und insbesondere seit den 1990er Jahren einen beträchtlichen Boom erlebt.

Christian Stegbauer, Boris Holzer

Schlüsselwerke der Netzwerkforschung

Frontmatter

Anheier et al. (1995): Forms of Capital and Social Structure in Cultural Fields

Der Artikel lässt sich dem Bereich der empirischen Kultur- bzw. Kunstsoziologie zuordnen, da er die sozialen Bedingungen der Produktion von Kunstwerken, in diesem Fall von literarischen Texten, in den Blick nimmt. Im Speziellen befasst sich der Artikel mit der Frage, auf welche Art und Weise Netzwerke von Schriftstellern strukturiert sind und wie sich diese Strukturen erklären lassen. Theoretische Ausgangspunkte dieser Fragestellung sind die Kapital- und Feldtheorie Pierre Bourdieus.

Sebastian Weingartner

Baker (1984): The Social Structure of a National Securities Market

Baker ist ein früher Vertreter der Neueren Wirtschaftssoziologie und sein Aufsatz ein Beispiel für deren paradigmatisches Vorgehen. Ausgangspunkt der Wirtschaftssoziologie ist die Annahme, dass Märkte nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial strukturiert sind (Smelser und Swedberg 2005): Sie folgen also nicht nur den von Ökonomen postulierten idealisierten Gesetzen von Angebot/Nachfrage und perfekter Konkurrenz, sondern sind auch abhängig etwa von persönlichen Beziehungen zwischen den beteiligten Menschen, von politisch-regulatorischen Entscheidungen und von kognitiven, etwa finanzwissenschaftlichen Konstruktionen. Viele Autoren verstehen diese soziale Bedingtheit im Sinn von Netzwerkbeziehungen zwischen Teilnehmern.

Barbara Kuchler

Baker/Faulkner (1993): The Social Organization of Conspiracy

Nicht nur in der Öffentlichkeit sind Netzwerke meist positiv konnotiert. Auch in der Forschung überwiegen Beiträge, die wünschenswerte Wirkungen von Netzwerken fokussieren. Spätestens seit den 1990er Jahren wird allerdings auch immer wieder auf die Schattenseite von Netzwerken hingewiesen (Smith-Doerr und Powell 2001, S. 388 ff.).

Jonas König

Barabási (2002): Linked

Ziel des Buches ist, das Denken in Netzwerkbegriffen zu vermitteln, so wie der Autor es aus der Perspektive der Physik und im Wesentlichen unbeeinflusst von der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung entdeckt hat. Konsequenterweise ist das Buch nicht in Kapitel eingeteilt, sondern in vierzehn und einen letzten » Link «, und seit einer späteren Ausgabe einen weiteren » Afterlink «.

Per Kropp

Barabási/Albert (1999): Emergence of Scaling in Random Networks

Die Signifikanz des hier zu besprechenden Artikels ist im Kontext der sogenannten » Small-World Forschung « und Forschung zu komplexen Netzwerken zu bewerten. Ausgehend von der Anekdote zweier Fremder, die sich irgendwo in der Welt treffen und überrascht feststellen, dass sie eine gemeinsame Bekannte haben – » It’s a small world! « – fragte man sich Mitte des 20. Jahrhunderts, wie Netzwerke strukturiert sind, um dieses intuitiv überraschende Ereignis sowie dessen Erweiterung um indirekte Verbindungen über zwei, drei oder mehr Bekanntschaftsgrade möglich zu machen. Trotz diverser methodischer Ansätze, einzelne Parameter der Netzwerkstruktur zu schätzen – darunter Gedankenexperimente, mathematische Modellierungen, Tagebuchstudien und Milgrams Briefexperiment (Milgram → 1967) – ließ sich zunächst keine zufriedenstellende Lösung des Problems finden, so dass die Forschung in dem Bereich in den 1980er Jahren fast zu einem Stillstand gekommen war (Schnettler 2013).

Sebastian Schnettler

Barnes (1954): Class and Committees in a Norwegian Island Parish

Nach einem Mathematikstudium wandte sich Barnes (* 1918 Berkshire, † 2010 Cambridge) der Sozialanthropologie zu. Er wurde Schüler von Max Gluckman, dem Begründer der Manchester School of Anthropology, zu der ab Mitte der 50er Jahre auch Elizabeth Bott und Clyde Mitchell hinzustießen, die zusammen mit Barnes zu den Pionieren einer frühen sozialanthroplogischen Netzwerkforschung wurden. Das zentrale Anliegen von Gluckmann und seiner Arbeitsgruppe bestand darin, soziale Strukturen durch das System sozialer Beziehungen in den jeweils untersuchten sozialen Einheiten zu erklären um damit Begrenzungen der damals vorherrschenden funktionalistischen britischen Sozialanthropologie zu überwinden.

Ernst von Kardorff

Bavelas (1950): Communication Patterns in Task-Oriented Groups

Auf der Basis früherer Arbeiten zur Gruppenstruktur (Bavelas 1948) entfaltet Bavelas in diesem Aufsatz Vorschläge zur Untersuchung der Zusammenhänge zwischen der Verfügbarkeit von Kommunikationswegen in Gruppen und einigen Folgen für die Gruppenleistung und die Zufriedenheit der Gruppenmitglieder. Bavelas war schon etwa 1945 noch als Graduierter mit Kurt Lewin von Iowa zum M. I. T. gekommenen, konnte seine Dissertation (1948) nach Lewins plötzlichem Tod erst bei Dorwin Cartwright abschließen. Dieser und Leon Festinger waren es auch, die über ihren Wechsel nach Michigan hinaus Bavelas am M. I. T. förderten. Auf Festinger geht wohl auch der Kontakt von Bavelas mit R. Duncan Luce zurück, der noch vor Abschluss seiner Dissertation in Mathematik ein wichtiger Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe von Bavelas wurde. Diese und zahlreiche weitere Einzelheiten sind dem Buch von Linton C. Freeman zu entnehmen (→ 2004, S. 67 ff.).

Wolfgang Sodeur

Bearman (1993): Relations into Rhetorics

Der historische Soziologe Peter Bearman untersucht in seiner 1993 erschienenen explorativen Studie » Relations into Rhetorics « am Beispiel der Grafschaft Norfolk den Wandel der Strukturen von lokalen Eliten im England des 16. und 17. Jahrhunderts. Das Buch ist eine Überarbeitung seiner 1985 zum gleichen Thema abgeschlossenen Dissertation. Bearman legte mit dieser Arbeit einen der ersten Versuche aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich vor, auf Basis von historischen Daten eine formale Analyse sozialer Netzwerke durchzuführen. Im Bereich der historischen Netzwerkforschung hat die Arbeit somit gleichauf mit der deutlich stärker rezipierten Studie von John Padgett und Christopher Ansell zum Aufstieg der Medici (Padgett und Ansell → 1993) einen Pioniercharakter inne.

Martin Stark

Bearman/Stovel (2000): Becoming a Nazi: A model for narrative networks

» Becoming a Nazi « hat von den ersten Entwürfen und Präsentationen bis zur Veröffentlichung acht Jahre gebraucht. So gesehen handelt es sich um eine der frühesten Studien mit dem Anspruch, Texte und Bedeutungszusammenhänge als soziale Netzwerke zu analysieren. Für die SNA galten Sinn und Bedeutung in den 1970ern noch als zweitrangig. Die Erfassung und Analyse von Bindungsmustern bzw. von sozialer Struktur wurde für wichtiger gehalten.

Athanasios Karafillidis

Blau (1955): The Dynamics of Bureaucracy

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete sich die US-amerikanische Organisationsforschung und im gleichen Zuge auch die französische und deutschsprachige Organisationsforschung an Max Webers Idealtypus der » Bürokratie « ab. In einer Vielzahl von empirischen Studien wurde gezeigt, dass die Praxis von Organisationen in vielen Fällen von dem von Weber beschriebenen Idealtypus mit seiner strikten Trennung von Amt und Person, der Regelgebundenheit organisatorischen Handelns, der Aktenförmigkeit des Entscheidens und der Unpersönlichkeit gegenüber Kunden und Klienten abweicht (siehe dazu Weber 1976: 551 ff.).

Stefan Kühl

Blau (1964): Exchange and Power in Social Life

Von Georg Simmel kann man lernen, dass es sehr unterschiedliche » soziale Formen « gibt, die aber in jeder Gesellschaft, wenn nicht in jedem größeren Sozialsystem, nebeneinander genutzt werden. Allgemeine Sozialtheorien, die auf der grundbegriff lichen Auszeichnung einer dieser Formen beruhen – ob nun Imitation oder Konflikt oder Tausch –, geraten daher in angebbare Schwierigkeiten. Eines ihrer Probleme liegt in der Frage nach dem analytischen Schicksal der jeweils anderen, der begriff lich jeweils disprivilegierten Sozialformen.

André Kieserling

Boissevain (1974): Friends of Friends. Networks, Manipulators and Coalitions

Die Arbeit von Boissevain ist im Kontext der Sozialanthropologie entstanden, die eine der Hauptströmungen der Entwicklung des Konzeptes des sozialen Netzwerkes bildet (Schenk → 1984).

Michael Schenk

Bonacich (1987): Power and Centrality: A Family of Measures

Macht ist eines der zentralen soziologischen Themen seit der Entstehung der Disziplin und ein wesentliches Thema der Sozialtheorie lange bevor dieser Zeit. Die Zentralität von Knoten in Netzwerken und ihre Vermessung sind von Beginn an zentrale Themen der Netzwerkforschung. Fast immer wird hier ein Zusammenhang beider Konzepte miteinander unterstellt.

Marco Schmitt

Boorman/White (1976): Social Structure from Multiple Networks: II. Role Structures

Der Text von Boorman und White (1976) schließt unmittelbar an das erste Blockmodell-Paper von White et al. (→ 1976) an. Zusammen genommen bilden die beiden Texte einerseits eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung der Netzwerkanalyse, andererseits auch den Ausgangspunkt für die Übernahme der relationalen Perspektive aus der soziologischen Theorie in den Bereich der Methodik. Bereits seit den 1940er Jahren wurden Matrizen zur mathematischen Analyse von Netzwerken eingesetzt. Die Gruppe um Harrison White nahm neben diesen Vorarbeiten auch die theoretischen Überlegungen George Caspar Homans’ (1950) zur Gruppenzugehörigkeit auf und entwickelte ihr eigenes Verfahren der Matrizenrechnung zur Darstellung komplexer Strukturmuster in Netzwerken. Dabei verfolgen sie das Ziel, strukturell äquivalente Knotenpunkte in einem Netzwerk zu identifizieren und diese zu Positionsmatrizen zusammenzuziehen.

Elke Hemminger

Borgatti/Everett (1997): Network Analysis of 2-Mode Data

Üblicherweise identifiziert man die graphentheoretisch orientierte Netzwerkanalyse mit der Modellierung von Beziehungen zwischen Paaren von Akteuren. Die dabei entstehenden Daten werden als unimodale Datensätze bezeichnet.

Alexander Rausch

Bott (1957): Family and Social Network

Elizabeth Botts ethnographische Studie über Familien und deren soziale Netzwerke entstand im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts am Tavistock Institute of Human Relations in London. Dreh- und Angelpunkt ihrer Studie ist der Zusammenhang der häuslichen Arbeitsteilung von Frau und Mann und dem sozialen Netzwerk Familie. Bott verfolgt die relationale Idee, dass die Paarbeziehung von Frau und Mann durch die Struktur des sozialen Netzwerks der Partner beeinflusst sei.

Christoph Heckwolf

Bourdieu (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital

Mit seinem 1983 erschienenen Aufsatz legt Bourdieu nicht nur ein Schlüsselwerk der Netzwerkforschung vor, sondern auch einen zum Klassiker der Sozialwissenschaften gewordenen Text, der insbesondere die Tradition der Relationalen Soziologie maßgeblich beeinflusste. Dies zeigt sich insbesondere in begriff lichen Parallelen zu Norbert Elias. Von Karl Marx übernimmt Bourdieu dessen Kapitalbegriff, den er über die ökonomischen Aspekte hinaus erweitert.

Elke Hemminger

Braun/Gautschi (2006): A Nash Bargaining Model for Simple Exchange Networks

Viele Bereiche des menschlichen Zusammenlebens lassen sich als Tauschvorgänge beschreiben (vgl. Mauss → 1925; Simmel 1900). Uehara (→ 1990) beispielsweise betrachtet informelle soziale Unterstützung als Tausch. Auch Augenkontakte, Gespräche, Kartenspiele und Verabredungen lassen sich als Tausch deuten (Braun und Gautschi 2009, S. 404).

Felix Bader

Breiger (1974): The Duality of Persons and Groups

In dem kurzen Aufsatz erklärt Breiger die unimodale Projektion von bimodalen Daten am Beispiel der » Southern Women « (Davis et al. 2009). Die Beispieluntersuchung ist vor allem durch Homans (→ 1950) bekannt geworden, ein Buch, welches in den 1960er auch in deutscher Übersetzung vorlag und die damals sehr stark an sozialen Gruppen orientierte Soziologie prägte.

Christian Stegbauer

Burt (1982): Toward a Structural Theory of Action

In diesem Werk entwickelt Burt die Grundlagen einer strukturellen Handlungstheorie. Er greift hierzu vor allem auf Konzepte der soziologischen Netzwerkforschung zurück, bezieht sich aber auf die Arbeiten von Coleman, Merton, Parsons und anderen Klassikern der soziologischen Theorie. Ziel des Werkes ist es, eine Brücke zwischen den zwei basalen Ansätzen der Handlungstheorie zu schlagen.

Georg Reischauer

Burt (1992): Structural Holes

Die Arbeit ist im Bereich der Wirtschaftssoziologie angesiedelt. Wie in ökonomischen Ansätzen üblich setzt Burt an einer Produktionsfunktion an, erklärt aber unterschiedliche Gewinne von Akteuren auf einem Markt nicht nur über ihre Ressourceninvestitionen, sondern fokussiert auf Unterschiede in ihrer Netzwerkeinbettung. Die Netzwerkeinbettung bezieht sich dabei auf die Struktur der direkten Kontakte eines Akteurs und die Lage seiner Kontakte in der Struktur des gesamten Marktes.

Sören Petermann

Burt (2005): Brokerage and Closure

Soziales Kapital – das prominenteste Konzept der diskutierten Arbeit – ist ein wichtiger Begriff in der Arbeit mit sozialen Netzwerken und stellt eine Ressource für einzelne Netzwerkakteure dar, die ihren Spielraum für Handlungen erweitert. Das Konzept wurde von verschiedenen Autoren aufgegriffen und entwickelt. Ich greife an dieser Stelle vier Denkrichtungen heraus, die alle auch in diesem Buch detaillierter vorgestellt werden.

Dominik E. Froehlich

Cartwright/Harary (1956): Structural Balance: A Generalization of Heider’s Theory

Basierend auf den Einsichten der Gestaltpsychologie beschäftigten sich in den 40er und 50er Jahren diverse Sozialpsychologen im Rahmen sogenannter Konsistenztheorien mit der Frage nach den für die Stimmigkeit oder Konsistenz kognitiver Wahrnehmungen ursächlichen Mechanismen. Eine der frühen Entwicklungen in diesem Zusammenhang war die von dem Psychologen Fritz Heider (→ 1946) formulierte Theorie der kognitiven Balance, die, vereinfacht dargestellt, die möglichen Gleichgewichtszustände (balance) der Wahrnehmung einer Person (P) in Bezug auf die Bewertung einer weiteren Person (O) und eines beliebigen Objekts (X), sowie der Bewertung der Beziehung zwischen O und X betrachtet: In Abhängigkeit der Gesamtheit der positiven und/oder negativen Bewertungen der Beziehungen, die zwischen P, O und X vorliegen, kann die vorliegende Gesamtsituation von P als stimmig (konsonant) oder unstimmig (dissonant) erfahren werden.

Volker G. Täube

Castells (1996): The Rise of the Network Society

Als Student musste Castells (*1942 Héllin, Spanien) wegen seines Engagements gegen die Franco-Diktatur nach Frankreich fliehen, wo er sein Studium 1967 in Paris abschloss. Obwohl er wegen seiner Teilnahme an den Mai-Protesten 1968 aus Frankreich ausgewiesen wurde, konnte er dank seines Mentors Alain Touraine nach Paris zurückkehren. Dort untersuchte er in einer undogmatischen marxistischen Perspektive die Genese und Struktur sozialer Konflikte in modernen Metropolen, die er in seiner international viel beachteten Studie mit einem neuen Ansatz als Räume ungleich verteilten kollektiven Konsums beschrieb (La Question Urbaine 1972).

Ernst von Kardorff

Christakis/Fowler: The Spread of Obesity in a Large Social Network over 32 Years

Vor dem Hintergrund eines deutlichen Anstiegs von Fettleibigkeit und Übergewicht in den USA seit den 1970er Jahren untersuchen Nicholas Christakis und James Fowler in ihrem Aufsatz die Verbreitung von Fettleibigkeit in einem eng zusammenhängenden sozialen Netzwerk. Sie greifen dabei auf Daten zurück, die im Rahmen der als Längsschnitt angelegten Framingham Heart Study (FHS) von 1971 bis 2003 erhoben wurden. Ausgangspunkt waren 5 124 Personen (» Egos «) aus der so genannten » offspring cohort « der FHS, von denen Informationen über ihre persönlichen Kontakte (» Alteri «) erhoben wurden. Insgesamt waren 12 067 Personen (Egos und Alteri) zu irgendeinem Zeitpunkt im Erhebungszeitraum miteinander verbunden und damit Gegenstand der Analyse.

Andreas Klärner, Sylvia Keim

Coleman (1961): The Adolescent Society

Bevor James Coleman zu einem der wichtigsten Theoretiker der Soziologie des 20. Jahrhunderts wurde, veröffentlichte er in den 1960er Jahren einige hinsichtlich des Forschungsdesigns her äußerst herausfordernde und innovative empirische Untersuchungen. Dazu zählt insbesondere auch die 1961 unter Mitwirkung von John W. C. Johnstone und Kurt Jonassohn entstandene Studie zur » Adolescent Society «, also im wörtlichen Sinn zur Gesellschaft der Heranwachsenden.

Thomas Hinz

Coleman (1988): Social Capital in the Creation of Human Capital

In direktem Bezug auf Arbeiten von Baker (1983) und Granovetter (→ 1985) benützt Coleman das Konzept des sozialen Kapitals, um den Aspekt der sozialen Strukturen in das Paradigma des rationalen Wahlhandelns einzubringen und demonstriert den Nutzen dieses theoretischen Vorgehens in einer Analyse von Schulabbrüchen im zweiten Studienjahr der High School (S. 97). Dabei distanziert sich Coleman von vorhergehenden Versuchen, die austauschtheoretischen Aspekte in die Soziologie zu integrieren, wie sie bei Blau (→ 1964) und Homans (1974) zu finden sind. Coleman beginnt mit der Theorie des rationalen Wahlhandelns als Rahmentheorie, in die er Elemente der ökonomischen Perspektive einfügt (S. 97 f.).

Elke Hemminger

Coleman et al. (1966): Medical Innovation

In dieser empirischen Studie untersuchen die Autoren die Diffusion einer medizinischen Innovation in Populationen von Ärzten. Sie setzen damit einerseits eine lange Tradition der Erforschung der sozialen Verbreitung neuer Ideen und Verhaltensweisen fort (Rogers → 1962). Andererseits schließen sie an ihre eigenen Arbeiten zur netzwerkanalytischen Verwendung von Umfragedaten (Coleman 1958) sowie zum Einfluss von interpersonalen Beziehungen auf die Einstellungsbildung an (Katz und Lazarsfeld → 1955).

Christopher Dorn

Cook et al. (1983): The Distribution of Power in Exchange Networks

Tauschbeziehungen erscheinen immer dann lohnend, wenn die potenziellen Verhandlungspartner heterogene Anfangsausstattungen und/oder Präferenzen besitzen. Bei Freiwilligkeit des Tausches existiert generell ein Überschuss, der zwischen den Partnern aufzuteilen ist. Unter diesen Bedingungen gibt es eine gegenseitig nutzenstiftende Transaktion, das heißt, durch die Einhaltung der getroffenen Vereinbarungen wird sich kein Tauschpartner schlechter stellen.

Thomas Gautschi

Cross/Parker (2004): The Hidden Power of Social Networks

In der Unternehmenspraxis werden erhebliche Mittel eingesetzt, um formale Strukturen und Prozesse zu optimieren. Oft geschieht dies allerdings mit sehr geringem Erfolg. So zeigen verschiedene Studien, dass 70 % aller Reorganisationsprojekte scheitern. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass Arbeit in Unternehmen oftmals jenseits der formalen Organisationsstruktur in informalen, sozialen Netzwerken vonstattengeht. Letztere werden zwischen Mitarbeitern und über verschiedene Teams und Abteilungen hinaus geknüpft und sind im formalen Organigramm oder der formalen Prozessbeschreibung nicht sichtbar.

Boris Ricken

Davis (1991): Agents Without Principles ?

Der Aufsatz » Agents without principles ? « von Gerald F. Davis ist einer der bislang am häufigsten zitierten Texte der sogenannten » interlocking directorates «-Forschung. » Interlocking directorates « bzw. personelle Unternehmensverflechtungen ergeben sich, wenn Personen gleichzeitig Mitglied im Geschäftsführungs- oder auch Aufsichtsgremium (board of directors) mehrerer Unternehmen sind. Die personelle Unternehmensverflechtung gilt im Kartellrecht als wettbewerbsbeeinflussender Faktor, weshalb in vielen Rechtssystemen manche Arten der personellen Unternehmensverflechtung untersagt und Kontrollbehörden mit der Beobachtung der Besetzung von Geschäftsführungs- und Aufsichtsgremien beauftragt wurden (in Deutschland z. B. die Monopolkommission). In der Netzwerkforschung gehören die Analyse von personellen Unternehmensverflechtungen und interorganisatorischen Beziehungen seit langem zu den » substantive topics « (Scott und Carrington 2011, S. 99, 180 – 195).

Jürgen Beyer

Davis/Leinhardt (1967): The Structure of Positive Interpersonal Relations in Small Groups

Dreh- und Angelpunkt des Aufsatzes von James A. Davis und Samuel Leinhardt ist George C. Homans’ Werk » Theorie der sozialen Gruppen « (engl. » The Human Group «, 1951). Dort stellt Homans die Hypothese auf, dass » small groups inevitably generate a social structure which combines subgroups (cliques) and a ranking system « (S. 1).

Eduard Buzila

de Sola Pool/Kochen (1978): Contacts and Influence

Die Entdeckung und Erforschung des sogenannten » small world «-Phänomens, also die auf den ersten Blick erstaunliche Erfahrung, dass zwei füreinander Unbekannte bei ihrem Zusammentreffen feststellen, dass sie einen gemeinsamen Bekannten haben, rechnet man in der Regel Stanley Milgram und dessen bahnbrechender empirischer Studie » The small world problem « (→ 1967) zu. Dieses Phänomen und seine netzwerktheoretischen Grundlagen sind in der Netzwerkforschung aber bereits deutlich früher thematisiert und analysiert worden. Besondere Bedeutung erlangte in diesem Zusammenhang der Aufsatz » Contacts and Influence « des Sozial- und Politikwissenschaftlers Ithiel de Sola Pool (1917 – 84) und des Informationswissenschaftlers Manfred Kochen (1928 – 89).

Johannes F. K. Schmidt

Delitsch (1900): Über Schülerfreundschaften in einer Volksschulklasse

Innerhalb der sozial- wie auch erziehungswissenschaftlichen Forschung kam es schon sehr früh zu einer empirischen Betrachtung von Freundschaftsbeziehungen. Hervorzuheben sind hier Vertreter der sogenannten » Child Studies «, die sich in Anlehnung an den aufkommenden wissenschaftlichen Positivismus (Depaepe 1993) und die damals prominenten Theorien Darwins (Darwin 1877) der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen widmeten. Am Anfang des 20. Jahrhunderts stellten erste Wissenschaftler Freundschaften von Jugendlichen bzw. Kindern unter ein » relationales Paradigma « und es wurden erste empirischer Netzwerkanalysen durchgeführt.

Markus Gamper

DiMaggio (1986): Structural Analysis of Organizational Fields: A Blockmodel Approach

Paul DiMaggios Artikel ist für die Entwicklung der Netzwerkforschung ein Meilenstein, da er die methodische Innovation der Blockmodellanalyse mit der neo-institutionalistischen Neuorientierung der Organisationsforschung verbindet (Fuhse 2012). Damit löst er das Versprechen der SNA ein, den » missing link « zwischen soziologischen Theorien und (quantitativen) soziologischen Methoden entdeckt zu haben.

Richard Heidler

Doreian et al. (2005): Generalized Blockmodeling

Das Buch » Generalized Blockmodeling « von Patrick Doreian, Vladimir Batagelj und Anuška Ferligoj fällt in eine Phase, in der die Nutzung der Blockmodellanalyse als Methode der Netzwerkforschung zumindest stagniert, eher sogar abfällt (Heidler 2015). Dies kann auf verschiedene Gründe zurückgeführt werden. Nach dem sogenannten » Harvard-Breakthrough « (White et al. → 1976) und einer ersten Periode, die vor allem durch Diskussionen über algorithmische und statistische Fragen geprägt ist, kommt es in den 1990er Jahren zu einer Hochphase der produktiven Anwendung der Blockmodellanalyse. Diese ist geprägt durch einige theoretisch und inhaltlich innovative Anwendungen der Methode, beispielsweise in der klassischen Arbeit von Padgett und Ansell (→ 1993) zum Aufstieg der Medici, der ethnologischen Untersuchung von Bearman (1997) zu Frauentauschringen bei Aborigines oder in einer Vielzahl an Anwendung von Blockmodellen auf Interorganisationsnetzwerke, in Folge der wegweisen Verknüpfung mit der Methode mit der neoinstitutionalistischen Feldtheorie durch DiMaggio (→ 1986).

Richard Heidler

Doreian (1970): Mathematics and the Study of Social Relations

Patrik Doreian zeigt in seinem 1970 erstmalig veröffentlichten Buch, dass die Netzwerkanalyse ein Potenzial für die Formalisierung und Präzisierung soziologischer Schlüsselbegriffe bereithält. Er grenzt sich von unscharfen Begriffen einiger soziologischer Theorien ab sowie von Debatten darüber, welche » Perspektive « nun die richtige sei. Vielmehr sei es Aufgabe der soziologischen Theorie, soziale Regelmäßigkeiten festzustellen, allgemeine Gesetze zu erkennen und auf deren Basis soziale Phänomene zu erklären und vorherzusagen.

Michael Windzio

Elias (1971): Was ist Soziologie ?

In der Publikation » Was ist Soziologie ? « finden sich die zentralen Argumentationen zu Norbert Elias’ theoretischen Vorstellungen gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse, die vor allem mit dem Namen » Figurationssoziologie « verbunden werden. Elias gilt nicht als geistiger Vater der relationalen Soziologie, aber des Figurationsbegriffs. Dieser kann auf » relativ kleine Gruppen ebenso wie auf Gesellschaften, die Tausende oder Millionen interdependenter Menschen miteinander bilden « (S. 143), also auf der Mikro-, Meso- und der Makroebene angewendet werden.

Michael Noack

Emirbayer (1997): Manifesto for a Relational Sociology

Mustafa Emirbayers » Manifesto « ist eine Streitschrift gegen die substanzialistisch verengte Theorie des rationalen Akteurs (» rational choice «), der er den Entwurf einer relationalen, an Prozessen und Beziehungen interessierte Soziologie entgegenstellt. Er kritisiert den soziologischen Mainstream seiner Zeit, der in seinen theoretischen Modellen ganz überwiegend entweder von rationalen Akteuren ausgeht, die quasi atomistisch am Eigeninteresse orientiert handeln, oder den Vorrang von Normen oder Strukturen behauptet, die das Handeln von Subjekten » leiten «. Auch in der variablenfixierten statistischen Analyse ginge dieser Mainstream zuallererst von » Dingen « oder Einheiten (» entities «) aus und vernachlässige die Beziehungen zwischen diesen (S. 281).

Andreas Klärner, Sylvia Keim

Emirbayer/Goodwin (1994): Network Analysis, Culture, and the Problem of Agency

Am Anfang der 1990er Jahre wurde der Grundstein für eine neue Denkschule in der Soziologie gelegt: die relationale Soziologie, welche manchmal auch » New York School of Relational Sociology « genannt wird (Emirbayer → 1997). Startpunkt dieser Denkschule war eine theoretische Debatte zum Verhältnis zwischen Netzwerken und Kultur, welche die rein strukturalistische Perspektive, wie sie formale Netzwerkanalytiker wie beispielsweise Ronald Burt (Burt → 1992) oder James Coleman (Coleman → 1966), vertraten, infrage stellt. Der Grundgedanke der Debatte war, Netzwerke und Kultur im Zusammenhang zu betrachten.

Jennifer Hauck

Feld (1981): The Focused Organization of Social Ties

Felds Artikel zielt darauf ab, die Grundzüge der Focus-Theorie einzuführen, deren zentrale Funktion es sein soll, soziale Strukturen jenseits sozialer Netzwerke für die Analyse der Entwicklung sozialer Netzwerke fruchtbar zu machen.

Philip Roth

Fine/Kleinman (1983): Network and Meaning: An Interactionist Approach to Structure

Der hier besprochene Beitrag erschien im Rahmen eines Special Feature zu Symbolic Interaction and Social Organization im Journal Symbolic Interaction, das von Fine herausgegeben wurde. Er adressiert in erster Linie das Journalpublikum, dem der netzwerktheoretische Ansatz und seine Verwendung im Rahmen des Symbolischen Interaktionismus nähergebracht werden sollen. Die Autoren grenzen sich von der damals gängigen strukturorientierten Netzwerktheorie ab und schließen an die sozialanthropologischen Wurzeln der Netzwerkforschung an.

Karoline Krenn

Fischer (1982): To Dwell Among Friends: Personal Networks in Town and City

In seinem Buch » Leben unter Freunden « (To Dwell Among Friends) untersucht Claude Fischer die sozialen und psychologischen Folgen des urbanen Lebens. Das Buch zählt inzwischen zu den Standardwerken, wenn es um die Frage der Unterschiede zwischen urbanem und nichturbanem Leben geht.

Marina Hennig

Freeman (1978/79): Centrality in Social Networks

Die Idee der Zentralität von Akteuren in sozialen Netzwerken ist eines der frühesten Konzepte, welche die Netzwerkanalyse hervorgebracht hat. Sie geht im Wesentlichen auf die Pionierarbeit von Alex Bavelas zurück, der sie (→ 1950) erstmals formal beschrieb. Seither wurde eine Vielzahl konkurrierender Konzepte von Zentralität vorgeschlagen. Über Dekaden führte dies zu einer beträchtlichen Konfusion, denn die vorgeschlagenen Zentralitätsmaße trugen zur Klärung des Konzepts selbst wenig bei, sondern repräsentierten vielmehr sehr unterschiedliche Interpretationen von Zentralität.

Peter Mutschke

Freeman (2004): The Development of Social Network Analysis

Linton Freemans » The Development of Social Network Analysis. A Study in the Sociology of Science « skizziert die Ideengeschichte hinter der soziologischen Netzwerkanalyse. Der Verfasser Linton Clarke Freeman zählt zu den zentralen Forschern der Netzwerkanalyse.

Andrea Knecht

Freeman et al. (1987): Cognitive Structure and Informant Accuracy

In der Netzwerkforschung werden Daten zu sozialen Interaktionen und zu Kommunikationsbeziehungen häufig mittels einer Befragung gewonnen. Die Qualität solcher retrospektiven Selbstangaben wird kontrovers diskutiert. So stellt sich die Frage, inwieweit Personen sich an soziale Interaktionen angemessen erinnern können und ob die erhobenen Daten valide sind.

Nicoline Scheidegger

Friedkin (1983): Horizons of Observability and Limits of Informal Control in Organizations

Soziale Netzwerkanalyse in den späten 1960ern und frühen 1970ern beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, in welcher Art von Kommunikationsnetzwerken eine informelle soziale Kontrolle effektiv durchgeführt wird. In seinem Artikel geht Friedkin der Frage nach, unter welchen Umständen eine solche informelle, soziale Kontrolle überhaupt durchgeführt werden kann. Er stellt fest, dass zwei grundlegende Einsichten nötig sind, um soziale Kontrolle zu ermöglichen: die Leistung einer Person in diesem Netzwerk überhaupt beobachten und bewerten sowie dann auch beeinflussen zu können.

Katharina Zweig

Fruchterman/Reingold (1991): Graph Drawing by Force-Directed Placement

Mit dem Artikel stellen die Autoren einen Algorithmus vor, der » ästhetisch ansprechende « (p. 1129) Visualisierungen von Graphen erzeugen kann, vergleichsweise schnell arbeitet und simpel zu implementieren ist. Der Algorithmus ist für ungerichtete und damit für die allgemeinste Klasse von Graphen entworfen worden.

Mirco Schönfeld, Jürgen Pfeffer

Gibson (2005): Taking Turns and Talking Ties

Gibsons Studie ist eine wegweisende Arbeit für die Verknüpfung kommunikationsorientierter und netzwerkorientierter soziologischer Ansätze, da es ihr gelingt, eine prozessorientierte Sichtweise auf Interaktionen mit einer strukturorientierten Sichtweise auf darunter liegende Netzwerke in exemplarischer Weise zu verbinden. Sie lässt sich thematisch im Bereich organisationaler Kommunikation verorten und vor allem mit Studien aus dem Bereich der Organisationsforschung und der Analyse von Kleingruppen in Verbindung bringen. Diese Themengebiete fallen jedoch gegenüber dem Vorhaben, zwei sehr divergente soziologische Schulen miteinander in ein fruchtbares Gespräch zu verwickeln, weniger ins Gewicht.

Marco Schmitt

Gould, Roger V. (1995): Insurgent Identities; Class, Community, and Protest in Paris from 1848 to the Commune. Chicago: Chicago University Press.

Roger Goulds Buch liefert eine Theorie der Mobilisierung in sozialen Bewegungen basierend auf Netzwerkstrukturen und der Konstruktion kollektiver Identität. Für die Mobilisierung von Protest braucht es eine kollektive Identität der Bewegung. Diese entwickelt sich umso eher, je mehr persönliche Beziehungen zu anderen Mitgliedern des Kollektivs bestehen.

Jan Fuhse

Granovetter (1973): The Strength of Weak Ties

Arbeitskontext des Aufsatzes ist Granovetters 1970 vorgelegte Dissertation, aus der dann die bekannte Studie zum Arbeitsmarkt (→ Granovetter, 1974) entstand. Die Argumentation Granovetters ist jedoch über den direkt untersuchten Bereich hinaus breiter angelegt. Ziel ist es, eine Mikro-Makro Brücke aufzuzeigen.

Christian Stegbauer

Granovetter (1974): Getting a Job. A Study of Contacts and Careers

Mark Granovetters empirische Untersuchung » Getting a Job « beschäftigt sich mit einem Allerweltsproblem in modernen Gesellschaften, in denen Berufstätigkeit, Erwerbsbeteiligung und Stellenwechsel selbstverständlich sind: Wie werden Informationen über offene Stellen im Arbeitsmarkt weitergegeben ? Dabei gilt die Beobachtung als Ausgangspunkt, dass oftmals Informationen über offene Stellen durch persönliche Kontakte vermittelt werden, obwohl formale und universalistische Verfahren zur Stellenbesetzung insbesondere in bürokratischen Organisationen weit verbreitet sind. Granovetter geht es darum, die sozialen Bedingungen genauer zu erforschen, unter denen Informationen über offene Stellen durch persönliche Kontakte vermittelt werden. Dabei sind Art und Dauer des persönlichen Kontakts gemeint, der letztlich die entscheidende Information über eine gewechselte Stelle lieferte.

Thomas Hinz

Granovetter (1978): Threshold Models of Collective Behavior

Granovetters Schwellenwertmodell zielt auf die Erklärung kollektiven Verhaltens ab und stellt eine Weiterentwicklung von Schellings (1971) dynamischer Analyse von Segregationsprozessen in Stadtvierteln dar. Dem Modell liegt die Einsicht zugrunde, dass Auftreten und Ausmaß kollektiver Handlungen durch die Vorlieben, Zielsetzungen und Normvorstellungen der beteiligten Personen nur unzureichend erklärt werden können. Granovetter rückt stattdessen Interaktionen persönlicher Präferenzen und die Aggregation individueller Handlungen in den Vordergrund.

Marc Keuschnigg

Granovetter (1983): The Strength of Weak Ties: A Network Theory Revisited

Zehn Jahre nach seinem zu großer Bekanntheit gelangten Aufsatz The Strength of Weak Ties (Granovetter → 1973) gibt Granovetter im vorliegenden Text eine Übersicht zu Arbeiten, die sein damaliges Argument testen oder theoretisch aufnehmen und weiterentwickeln. Granovetter beabsichtigt damit das seinerzeit artikulierte Argument zu verfeinern. In seinen Worten » to plug some holes, and broaden its base « (S. 201).

Olaf Zorzi

Granovetter (1985): Economic Action and Social Structure: The Problem of Embeddedness

Dies ist ein Ur- und Gründungstext der Neueren Wirtschaftssoziologie, der das Denken dieser Forschungsrichtung einschneidend verändert und mit dem Begriff der Einbettung (embeddedness) ihr Paradigma geprägt hat. Er richtet sich gegen die Annahme, dass Märkte rein ökonomischen Prämissen folgen, etwa dem Prinzip der Profitmaximierung in unpersönlichen, einmaligen quid-pro-quo-Transaktionen; statt dessen wird gezeigt, dass soziale Beziehungen, persönliche Beziehungen zwischen Menschen wichtig sind für das Verhalten auf Märkten. Anders gesagt: Die Wirtschaft ist keine ausdifferenzierte Sphäre, die nur eigenen Gesetzen folgt, vielmehr sind wirtschaftliche und sonstige soziale Strukturen aufs Engste ineinander verwoben.

Barbara Kuchler

Harary (1974): Graph Theory

Harary beschäftigte sich seit Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts mit graphentheoretischen Fragestellungen. Aus Sicht der Netzwerkforschung ist bedeutsam, dass Harary bereits 1953 zusammen mit Norman eine Abhandlung mit den Titel Graph Theory as a Mathematical Model in Social Science veröffentlichte. Damals arbeitete Harary zusammen mit Norman am Research Center for Group Dynamics im Institute for Social Research der University of Michigan.

Alexander Rausch

Heider (1946): Attitudes and Cognitive Organization

Fritz Heider, ein deutscher Sozialpsychologe, der 1930 in die USA emigriert war, verfasste 1946 die Kernaussagen seiner Balancetheorie in einem kurzen Aufsatz, der die Basis für sein ebenfalls viel zitiertes Buch (→ 1958) zu interpersonalen Beziehungen bilden sollte. Heiders Arbeit ist maßgeblich beeinflusst durch die Feldtheorie Lewins sowie die Gestalttheorie, wie sie insbesondere von Koffka, Köhler oder Wertheimer etabliert wurde. Die Balancetheorie war ihrerseits ein bedeutender Vorgänger für Festingers (→ 1978) nicht minder einflussreiche Theorie kognitiver Dissonanz.

Daniel Houben

Heider (1958): The Psychology of Interpersonal Relations

Die Psychologie der interpersonalen Beziehungen ist das bekannteste Werk des Sozialpsychologen Fritz Heider. In seiner Analyse sozialer Wahrnehmung legt Heider die Grundlage von sowohl Attributions- als auch Balancetheorie – zwei Ansätze, die er bereits in früheren Artikeln einführte (Heider und Simmel 1944; Heider → 1946). Ein Grundtheorem des Buches stellt die sogenannte » naive « bzw. » common-sense « Psychologie dar.

Lisa Handke, Luisa Barthauer

Hill/Dunbar (2003): Social Network Size in Humans

Anfang der 1990er Jahren stellt Dunbar, ein auf Primatenforschung spezialisierter britischer Anthropologe und Evolutionsbiologe, die später sogenannte » Soziale-Gehirn- Hypothese « (engl. social brain hypothesis) auf, welche die Anzahl der Freunde als eine Eigenschaft und Funktion des Neocortex beschreibt, da es sowohl kognitive als auch zeitliche Begrenzungen gebe, Freundschaften aufrecht zu erhalten. Hierfür zieht Dunbar Studien über die Gruppengröße von 36 verschiedenen Primaten heran und korreliert diese mit der Gehirngröße der entsprechenden Primaten, um daraus eine mathematische Formel zu generieren. Mit deren Hilfe bestimmt er die » durchschnittliche Gruppengröße « für Menschen mit 147,8, wobei meist die aufgerundete Zahl von 150 verwandt wird.

Karolin Kappler

Holland/Leinhardt (1971): Transitivity in Structural Models of Small Groups

Paul W. Holland und Samuel Leinhardt trugen durch ihre Beschäftigung mit dem Konzept der Transitivität in den 1960er und 1970er Jahren maßgeblich zur Implementierung naturwissenschaftlicher Verfahren für die soziologische Netzwerkforschung bei. Diese begleitend adaptierten sie die Funktion von (direkten) Graphen zur Darstellung von (ausbalancierten) interpersonellen Beziehungen auf soziometrische Messverfahren und verbanden ganz im Stile der Harvard-Strukturalisten um Harrison White soziologische Theorienbildung und sozialwissenschaftliche Methode.

Charlotte Knorr

Holland/Leinhardt (1976): Local Structure in Social Networks

Die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts gehörten zur Formierungsphase der Netzwerkforschung, in der Forschungsgruppen aus verschiedenen Disziplinen und von verschiedenen Universitäten zueinander fanden. Ein wichtiger Beitrag waren die Arbeiten zur Triadenstatistik und zur statistischen Modellierung von sozialen Netzwerken, die von Paul W. Holland, Samuel Leinhardt und James A. Davis in den 1970er Jahren und Anfang der 1980er geleistet wurden, und deren Modelle auch als DHLModelle in die Netzwerkliteratur eingegangen sind. Davis arbeitete nach seiner Promotion in Harvard an der Universität in Chicago, wo Leinhardt einer seiner Studenten wurde (→ Davis und Leinhardt 1967), bevor dieser seine Laufbahn an der Carnegie Mellon University fortsetzte. Holland, 1966 in Stanford promoviert, lehrte in Michigan und Harvard, ehe er 1975 zum Educational Testing Services (ETS) wechselte.

Per Kropp

Homans (1950): The Human Group

George Caspar Homans (1919 – 1989) ist einer der bekanntesten amerikanischen Soziologen, der unter anderem gemeinsam mit Robert K. Merton und Talcott Parsons in den 1930er Jahren an der Universität in Harvard lernte, lehrte und forschte. Charakteristisch für diese Zeit ist die Auseinandersetzung mit und Weiterentwicklung von (struktur-)funktionalistischen Ansätzen, insbesondere unter Einfluss der Sozialanthropologie Malinowskis und Radcliffe-Browns, aber auch des Soziologen Durkheim. Gleichzeitig war die amerikanische Soziologie der 1930 – 1950er Jahre von einer reichhaltigen Ansammlung einzelner Fallstudien geprägt, in denen die Beschreibungen und Analysen der Strukturen einzelner sozialer Gruppen im Mittelpunkt standen.

Imke Dunkake

Kadushin (1976): Networks and Circles in the Production of Culture

Kadushins Aufsatz von 1976 ist nicht sein bekanntester oder meist zitierter Text, dies sind seine Arbeiten zu sozialen Kreisen und Entscheidungsprozessen am Beispiel der Unterstützungsnetzwerke der Psychotherapie (1966), zu Freundschaftskreisen der französischen Elite (1995) sowie sein Buch zu Theorien und Konzepten der SNA (2012). Der Aufsatz von 1976 leistet zum einen einen Beitrag zur Etablierung der Netzwerkforschung, indem er Netzwerke als sozial strukturierende » Makrophänomene « diskutiert, die typisch für bestimmte » kulturelle Produktionssysteme « sind (S. 770). Mit » production of culture « im Titel des Aufsatzes schlägt Kadushin eine Brücke zu damals sehr aktuellen Diskussionen zur Entstehung und Produktion von kulturellen Gütern und Stilen in der Kunst (z. B. Becker 1974).

Sophie Mützel

Kapferer (1969): Norms and the Manipulation of Relationships in a Work Context

In seiner ethnographischen Studie thematisiert der australische Sozialanthropologe und Soziologe Bruce Kapferer einen Konflikt zwischen zwei Arbeitern einer Blei- und Zinkmine im heutigen Sambia. Der netzwerktheoretischen Analyse des Konflikts liegt Beobachtungsmaterial zu Grunde, das Kapferer im Rahmen eines Feldaufenthaltes von September 1964 bis Januar 1965 erhoben hat. Die Studie steht im Kontext der Manchester School of Anthropology, der neben Kapferer unter anderem sein Lehrer Max Gluckman, J. Clyde Mitchell, E. Bott und J. A. Barnes angehören.

Martin Weißmann, Johannes Zück

Kapferer (1972): Strategy and Transaction in an African Factory

Der Untersuchungsgegenstand des vorliegenden Buches ist eine Fabrik für Bekleidungsstücke in der afrikanischen Stadt Kabwe in Sambia. Das Hauptanliegen Kapferers besteht vor diesem Hintergrund in der Analyse zweier Arbeitsniederlegungen. Zu diesem Zweck konzentriert sich die Studie auf eine kleine Anzahl von Arbeitern und deren Beziehungen zum indischen Management der Fabrik (S. 2).

Henrik Dosdall

Katz/Lazarsfeld (1955): Personal Influence

Das Buch » Personal Influence « ist eine der meist zitierten und einflussreichsten Veröffentlichungen der amerikanischen Massenkommunikationsforschung aus der Nachkriegszeit. Es steht in der Folge der von Paul Lazarsfeld et al. (1944) realisierten Studien zum Einfluss der Medienberichterstattung auf die Präsidentschaftswahlen von 1940 (zum weiteren Kontext siehe auch Lazarsfeld und Merton → 1964). Im engeren Sinne hat die Publikation ihren Ursprung in einer 1944/45 durchgeführten, von einer Zeitschrift finanzierten Auftragsforschung zur Medienbeeinflussung des Entscheidungsverhaltens von Frauen in Decatur, Illinois.

Andreas Hepp

Killworth et al. (1984): Measuring Patterns of Acquaintanceship

Die Studie von Killworth et al. stellt den Versuch dar, das Netzwerk der Bekanntschaften als globale soziale Struktur zu beschreiben. Die Autoren folgen den Vorschlägen von Radcliffe-Brown (→ 1940) und Homans (→ 1950), die Beziehungen zwischen Individuen als die Grundelemente sozialer Strukturen aufzufassen. Mit der Frage, wer wen kennt, konzentrieren sie sich auf eine gleichermaßen elementare wie universelle soziale Beziehung.

Boris Holzer

Krackhardt (1987): Cognitive Social Structures

Angesichts der Abhängigkeit weiter Teile der Netzwerkforschung von Befragungen der Akteure wurde spätestens seit den 1970er Jahren die Frage nach der Verlässlichkeit solcher Befragungen gestellt. Insbesondere Bernard, Killworth und Sailer untersuchten in einer Reihe von Aufsätzen den Grad der Übereinstimmung/Abweichung zwischen den » tatsächlichen «, von einem externen Beobachter rekonstruierten, Interaktionen und Beziehungen einerseits und den Beschreibungen dieser Interaktionen und Beziehungen durch die befragten Akteure andererseits (vgl. z. B. Bernard et al. 1984). Ihr zusammenfassendes, auch von Krackhardt (S. 109) zitiertes Urteil lautete: » Informants are inaccurate; memory does decay exponentially with time … And on top of all this there appears to be systematic distortion in how informants recall just about everything. (Bernard et al.1984, S. 509) «.

Stefan Klingelhöfer

Krackhardt (1999): The Ties That Torture: Simmelian Tie Analysis in Organizations

» Die Beziehungen, die foltern « könnte die deutschsprachige Übersetzung des Titels von David Krackhardts Klassiker lauten, in dem er erstens die Diskussion um strukturelle Autonomie in Netzwerken (bis dahin überwiegend verbunden mit der Arbeit von Ronald Burt) um sogenannte Simmelian Ties erweitert, zweitens eine Methode zu deren empirischen Identifikation und Analyse vorschlägt und drittens diese Methode anhand eines Fallbeispiels verdeutlicht.

Malte Doehne, Andreas Herz

Krackhardt/Hanson (1993): Informal Networks. The Company Behind the Charts

» Informal Networks: The Company behind the Chart « ist wissenschaftlich irrelevant. Der Aufsatz bringt gegenüber dem (damaligen) Stand der Forschung und früheren Publikationen von David Krackhardt nichts neues (vgl. Krackhardt → 1987, 1990) – und behauptet das auch nicht. Die Autoren nehmen keinerlei Bezug auf theoretische oder methodologische Diskurse und versuchen erst recht nicht, sich innerhalb dieser Diskurse zu positionieren und abzugrenzen.

Stefan Klingelhöfer

Krempel (2005): Visualisierung komplexer Strukturen

Mit der Jahrtausendwende und der weitgehenden Verfügbarkeit des Internet und seiner neuen Kommunikationsformen wird das Netzwerkparadigma zum zentralen Denkmuster. Ausgehend von den Sozialwissenschaften liefert es nun beispielsweise auch in der Physik und den Lebenswissenschaften neue Methoden, um relationale Strukturen zu erfassen und untersuchen. Da bereits Netzwerke mit wenigen Knoten und Kanten sehr anspruchsvolle Topologien aufweisen können, leisten Netzwerkdiagramme einen wichtigen Beitrag zum Verständnis relationaler Strukturen.

Katja Mayer

Latour (2005): Reassembling the Social

Bruno Latours » Reassembling the Social « erschließt sich über eine Unterscheidung, zwei Beweggründe, eine eindringliche Warnung und aufschlussreiche Aussagen zur Begriffsstrategie.

Pascal Goeke

Laumann (1973): Bonds of Pluralism

Obgleich Edward Otto Laumann nicht zu den herausragenden Galionsfiguren der Netzwerkforschung zählt, so hat er doch einen gesicherten Platz in der zweiten Reihe der Autoren inne. Ein Indiz hierfür ist der Kontext des Buches » Bonds of Pluralism «, das einerseits in Michigan und Chicago entstanden ist und andererseits Anfang der 1970er Jahre verfasst wurde, d. h. in der Phase der Harvard-Renaissance, die wesentlich von White und seinem Fokus auf mathematische Analysemethoden getragen wurde. Laumann war Whites erster Doktorand in Harvard (1964), von dem er während seines Promotionsstudiums nicht nur in die mathematische Analyse von Netzwerken eingeführt wurde, sondern auch speziell motiviert wurde, sich mit Problemen der Stratifikation zu befassen.

Werner Schönig

Laumann/Pappi (1976): Networks of Collective Action

Das Buch präsentierte Mitte der 1970er Jahre ein breites Spektrum innovativer Methoden der sozialen Strukturanalyse. In der Studie geht es um eine mittelgroße Stadt im Rheinland, der die Autoren das Pseudonym Altneustadt gaben. Ihnen ging es dabei weniger um den spezifischen empirischen Fall selbst, der eher untypisch war für Deutschland. Durch die Ansiedlung eines großen naturwissenschaftlichen Forschungsinstituts in den 1950er Jahren war diese nicht nur stark angewachsen, sondern hatte sich auch sozialstrukturell stark verändert.

Volker Schneider

Lazarsfeld/Merton (1964): Friendship as a Social Process

Der Aufsatz » Friendship as a Social Process: A Substantive and Methodological Analysis « steht für die Zusammenarbeit zweier großer Soziologen, die in den 1940er Jahren – in der Blütezeit des Ausbaues der empirischen Sozialforschung in den USA – an der Columbia Universität aufeinandertrafen: Robert K. Merton (1910 – 2003) und Paul F. Lazarsfeld (1901 – 1976). Merton, in seiner wissenschaftlichen Ausbildung an der Harvard Universität stark geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Werk Talcott Parsons’ und dem damit verbundenen » Strukturfunktionalismus «, konzentrierte sich in seiner Arbeit auf die Theoriebildung » mittlerer Reichweite «. Anders als Parsons versuchte er nicht, eine allumfassende Handlungstheorie zu konstituieren, sondern konzentrierte sich auf einzelne Teilbereiche menschlichen Handelns und widmete sich – geprägt von Durkheim – u. a. » anomischen « sozialen Phänomenen, wie z. B. dem abweichenden Verhalten.

Imke Dunkake

Lazer et al. (2009): Computational Social Science

Computational Social Science ist als wissenschaftliche Disziplin relativ jung. Der im Februar 2009 in einer Ausgabe des Science Magazins von 15 ForscherInnen (David Lazer, Alex Pentland, Lada Adamic, Sinan Aral, Albert-László Barabási, Devon Brewer, Nicholas Christakis, Noshir Contractor, James Fowler, Myron Gutmann, Tony Jebara, Gary King, Michael Macy, Deb Roy, Marshall Van Alstyne) veröffentlichte Artikel wird vielfach als ihre Gründungspublikation zitiert, obwohl in den Jahren davor bereits unter diesem Begriff geforscht wurde.

Katja Mayer, Jürgen Pfeffer

Ledeneva (1998): Russia’s Economy of Favours

Das Buch von Alena Ledeneva gehört in eine Serie von Studien, die soziale Netzwerkphänomene unter zumeist indigenen Eigennamen wie guanxi, wasta, jeitinho, svyazi und, wie hier, blat in verschiedensten Regionen der Welt beschrieben haben (siehe auch Luhmann → 1995; ein neuerer Überblick zum Literaturstand findet sich in Williams und Onoshchenko 2015). Auffällig ist, dass diese Studien sich auf der einen Seite, zumal sie den autochthonen Charakter ihrer Fälle unterstreichen und mithin ethnographisch arbeiten, als Unikate darstellen, sie auf der anderen Seite in größerer Zahl und mehr oder weniger zeitgleich in den 1990er Jahren entstehen, also dem Jahrzehnt nach dem Ende der Blockkonfrontation und gewissermaßen im Klima eines global aufsteigenden Neoliberalismus. Bei der vorliegenden Studie handelt es sich dabei um die erste umfassende empirische Studie, die sich mit den im russischen Volksmund als blat bezeichneten Netzwerkphänomenen der Sowjet-Ära befasst.

Veronika Tacke

Levine (1972): The Sphere of Influence

Bei dem Aufsatz » The Sphere of Influence « von Joel H. Levine handelt es sich um ein wichtiges Schlüsselwerk in den Bereichen der Netzwerkvisualisierung und der personellen Unternehmensverflechtungs-Forschung (» interlocking directorates «). Joel H. Levine war einer der ersten PhD-Studenten Harrison Whites und Teil der » Harvard Gruppe «, die einen wesentlichen Einfluss auf die Etablierung der Sozialen Netzwerkanalyse als Forschungsorientierung hatte. Die Harvard Gruppe war in den 1970er Jahren insbesondere daran interessiert, Positionen von sozialen Akteuren in einer übergeordneten Netzwerkstruktur zu identifizieren.

Jürgen Beyer

Lévi-Strauss (1949): Les structures élémentaires de la parenté

Das epochale Werk des französischen Strukturalisten Claude Lévi-Strauss kann nicht nur als Grundlagenwerk des sozialwissenschaftlichen Strukturalismus angesehen werden, sondern auch als Grundlagenwerk für die sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse. Das Buch » Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft « hat die netzwerktheoretischen Arbeiten von Harrison White (→ 1963) direkt und prägend beeinflusst. Man kann dieses Buch als den Beginn der formalen Analyse komplexer familialer Netzwerkbeziehungen auffassen, die nicht nur graphisch, sondern erstmals auch mathematisch algebraisch modelliert werden. Es ist aber insbesondere die methodologische Perspektive, die dieses Grundlagenwerk der Netzwerkforschung zu einem Klassiker werden lässt.

Rainer Diaz-Bone

Lin (2001): Social Capital. A Theory of Social Structure and Action

Lin entfaltet in diesem Buch sein Konzept sozialen Kapitals. Neben den Arbeiten von Bourdieu (→ 1983) Burt (→ 1992), Coleman (→ 1988, 1990) und Putnam (1995) gehört es zu den Standardwerken der Sozialkapital-Forschung. Theoretisch schließt es an die klassische Kapitaltheorie sowie an neoklassische Theorien des Humankapitals und des kulturellen Kapitals an.

Sören Petermann

Lizardo (2006): How Cultural Tastes Shape Personal Networks

Bei dem hier vorgestellten Aufsatz handelt es sich um die bisher mit Abstand am häufigsten zitierte Publikation eines überaus produktiven Autors, dessen Forschungsschwerpunkte in den Bereichen der Kultursoziologie, der soziologischen Theorie und der Netzwerkanalyse liegen. Der vorliegende Beitrag knüpft an klassische Diskussionen über das Verhältnis von Sozialstruktur und Kultur an, wobei unter Sozialstruktur in erster Linie Netzwerke von persönlichen Beziehungen verstanden werden und unter Kultur die kulturellen Orientierungen von Akteuren, die sich in konkreten kulturellen Praktiken niederschlagen. Lizardo kritisiert die traditionelle Annahme, dass soziale Strukturen einseitig die kulturellen Orientierungen von Akteuren prägen (» traditional network model «, S. 779).

Jörg Rössel, Sebastian Weingartner

Luce/Perry (1949): A Method of Matrix Analysis of Group Structure

Algorithmische und analytische Verfahren zur Cliquen- und Clusterbestimmung gehören heute zu den wichtigsten Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung. Ihr Ziel ist es, aus der Menge aller Akteure eines Netzwerkes diejenigen zu identifizieren, deren Beziehungsgeflecht untereinander besonders dicht ist. Der Beitrag von Luce und Perry erwies sich als richtungsweisend für diese Bemühungen: Er gibt erstmals eine formale Definition von Cliquen und eine matrizenalgebraische Methode zu deren Identifikation anhand von soziometrischen Daten.

Malte Döhne

Luhmann (1964): Grenzstellen

Die Netzwerkforschung hat eines ihrer großen Themen an Personen bzw. Positionen, die über einen eigenen Zugang zu ansonsten getrennten Kontaktnetzen verfügen und daher zwischen ihnen nach Art eines Maklers vermitteln können (Granovetter → 1973). In diesem Thema berührt sie sich mit dem organisationssoziologischen Interesse an Grenzrollen bzw. Grenzstellen, das weit hinter die Anfänge der Netzwerkforschung zurückreicht. Bei Niklas Luhmann bezeichnet dieser Begriff sämtliche Mitgliedsrollen einer Organisation, die aufgrund ihrer formalen Stellung einen privilegierten oder vielleicht sogar exklusiven Kontakt zu relevanten Kategorien von Nichtmitgliedern des Systems unterhalten, also zum Beispiel den Chef einer Behörde, der sie politisch vertritt, oder den Leiter einer Einkaufabteilung, der den Kontakt zu wichtigen Lieferanten hält.

André Kieserling

Luhmann (1995): Kausalität im Süden

Der Text steht in einem doppelten Kontext. Er reflektiert eine Serie von regionalen Netzwerkstudien, die zeitgleich, aber unabhängig voneinander um die Mitte der 1990er Jahre – nach dem Ende der Blockkonfrontation und im Kontext des weltweiten Aufstiegs des Neoliberalismus – unter indigenen Bezeichnungen wie blat, guanxi, wasta, jeitinho, svyazi usw. erscheinen (siehe zum neueren Literaturstand: Williams und Onoshchenko 2015). Zum anderen ist er Teil einer Kleinserie von Texten der letzten Schaffensperiode von Niklas Luhmann (1927 – 1998), die mit gewisser Überraschung aufgenommen wurde.

Veronika Tacke

Malinowski (1922): Argonauts of the Western Pacific

» Argonauts of the Western Pacific « ist eines der Schlüsselwerke der Ethnologie. Auch fast 100 Jahre nach seiner Entstehung dient es als Referenzwerk für angehende Ethnologen. Hier wird zum ersten Mal der Königsweg ethnologischer Forschung systematisch entwickelt und weit über die Fachöffentlichkeit hinaus wirksam: die stationäre und langfristige teilnehmende » Feldforschung « in Lokalzusammenhängen.

Michael Schönhuth

Maoz (2011): Networks of Nations

Wenn zwei Staaten ein bilaterales Handelsabkommen schließen, birgt dies auch Risiken und Möglichkeiten für die Beziehungen zu jeweiligen Dritten. Zudem hängt die Bereitschaft zweier Länder, in einen kriegerischen Konflikt miteinander einzutreten, auch von den Verbündeten und Kontrahenten dieser beiden Staaten ab. Solcherlei Annahmen über das Funktionieren des internationalen politischen Systems sind Gegenstand des politikwissenschaftlichen Forschungsfeldes der Internationalen Beziehungen (kurz: IB).

Lena Laube

Marsden (1987): Core Discussion Networks of Americans

Marsdens Research Note markiert den Beginn einer bis heute anhaltenden Tradition der Netzwerkforschung: die Erhebung egozentrierter Netzwerke in Bevölkerungsstichproben. Der Artikel beschreibt die Ergebnisse des hier erstmals verwendeten Instruments zur Messung von Netzwerken in Bevölkerungsstichproben. Schon früher hatten Sozialwissenschaftler Interesse an sozialen Strukturen, man denke z. B. an die Soziogramme Morenos (→ 1934).

Beate Volker

Mauss (1925): Essai sur le don

Gegenstand der Studie von Marcel Mauss bilden Funktion und Formen des Gabentausches in Stammesgesellschaften. Sie ist einer primär von Emile Durkheim entwickelten soziologischen Programmatik verpflichtet, sodass der Anspruch einer empirisch-vergleichenden Soziologie, die Beschreibung sozialer Tatsachen (faits sociaux) sowie die Frage nach Möglichkeiten der moralischen Integration ansonsten egoistischer Individuen im Fokus stehen. Ein anderer wichtiger Impuls für diese Arbeit ist Bronislaw Malinowksis (→ 1922) Beschreibung des kula-Ringtausches bei den Trobriandern.

Ramy Youssef

McLean (2007): The Art of the Network

Paul McLean untersucht im Rahmen seiner Monographie die kommunikative Konstruktion von Karrieren, Identitäten und sozialen Beziehungen mithilfe von Patronagebriefen im Florenz des fünfzehnten Jahrhunderts. Die mittelitalienische Republik wurde in diesem Zeitraum maßgeblich von den Medici geprägt und ist nicht zuletzt aufgrund ihres Wirkens zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum der Renaissance aufgestiegen. Die Florentiner Aristokratie war durch ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht vernetzt (vgl. Padgett und Ansell → 1993; Padgett und McLean 2006).

Matthias Bixler

McLean (2007): The Art of the Network

Paul McLean untersucht im Rahmen seiner Monographie die kommunikative Konstruktion von Karrieren, Identitäten und sozialen Beziehungen mithilfe von Patronagebriefen im Florenz des fünfzehnten Jahrhunderts. Die mittelitalienische Republik wurde in diesem Zeitraum maßgeblich von den Medici geprägt und ist nicht zuletzt aufgrund ihres Wirkens zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum der Renaissance aufgestiegen. Die Florentiner Aristokratie war durch ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht vernetzt (vgl. Padgett und Ansell → 1993; Padgett und McLean 2006).

Kai Fischbach

McPherson et al. (2001): Birds of a Feather: Homophily in Social Networks

Mertons Beitrag ist in dem von Lazarsfeld und Stanton herausgegebenen Sammelband Communications Research erschienen. Der Sammelband ist als Nachfolgeprojekt der zuvor zweimal erschienen Reihe Radio Research zu verstehen, in der Ergebnisse von Forschungsarbeiten unter der Federführung von Lazarsfeld zur Wirkung des Radios als Massenmedium vorgestellt werden. In Communications Research werden vor allem Erkenntnisse aus Studien präsentiert, die während und nach dem zweiten Weltkrieg vom Bureau of Applied Social Research der Columbia University durchgeführt wurden (Stanton und Lazarsfeld 1950).

Nadine Meidert

Merton (1950): Patterns of Influence

Der Matthäuseffekt ist heute ein Alltagsbegriff für die Beobachtung, dass sich Erfolg gerne zu Erfolg gesellt. Er basiert jedoch auf einem sehr spezifischen Konzept Robert K. Mertons, welches er in den 1960er Jahren für seine Wissenschaftssoziologie entwickelte. Hierbei wird untersucht, inwiefern die Beiträge bereits etablierter WissenschaftlerInnen mehr gewürdigt werden, als die Beiträge von weniger etablierten WissenschaftlerInnen. In Interviews, die Harriet Zuckerman um 1960 mit Nobelpreisträgern führte, wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass in der Wissenschaft Anerkennung viel eher bereits bekannten oder etablierten ForscherInnen zuteilwird.

Katja Mayer

Milgram (1967): The Small World Problem

Der Name des Sozialpsychologen Stanley Milgram (1933 – 1984) wird insbesondere mit seinen Anfang der 1960er Jahre durchgeführten Untersuchungen zum autoritätshörigen Verhalten verbunden. Neben diesen als » Milgram-Experiment « weit über die Fachgrenzen hinaus bekannt gewordenen Studien steht sein Name aber auch für die netzwerkanalytische Erforschung des sogenannten » small world «-Phänomens, also der Beobachtung, dass zufällig zusammentreffende Personen häufig einen gemeinsamen Bekannten aufweisen und man aufgrund der hinter diesem Phänomen stehenden Netzwerkstruktur über eine vergleichsweise geringe Zahl von Kontaktpersonen potentiell jede Person auf der Welt erreichen kann. Dieser Sachverhalt hat die Netzwerkforschung bereits seit den 1950er Jahren beschäftigt (s. Pool/Kochen → 1978 [1958]), Milgram kommt aber das Verdienst zu, durch eine Reihe von Studien die Entwicklung und Erprobung eines empirischen Verfahrens zur Ermittlung der durchschnittlichen Länge entsprechender Pfade das Phänomen erforschbar und damit auch der Netzwerkanalyse zugänglich gemacht zu haben.

Johannes F. K. Schmidt

Milo et al. (2002): Network Motifs: Simple Building Blocks of Complex Networks

Ein wichtiger Teil der Netzwerkanalyse beschäftigt sich mit der Quantifizierung von Netzwerkstrukturen in großen Netzwerken, die nicht notwendigerweise soziale Netzwerke sind, sondern zum größeren Teil zu den » komplexen Netzwerke « gehören. Dabei sind die absoluten Zahlen oft wenig aussagekräftig, solange fast jeder Graph mit ähnlichen Eigenschaften wie das beobachtete Netzwerk eine ähnlich hohe Zahl aufweisen würde – eine solche Anzahl also » erwartbar « wäre. Zur Untersuchung der Signifikanz eines Befundes wird also die Menge aller Graphen mit ähnlichen Eigenschaften wie das beobachtete Netzwerk als sogenanntes Null-Modell betrachtet.

Katharina Anna Zweig

Mische/White (1998): Between Conversation and Situation

Was passiert, wenn Gewissheiten über den Ablauf eines Ereignisses gestört werden ? Ann Mische und Harrison White beschreiben einen solchen Vorgang als das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Netzwerkdomänen (Domains). Dieses sorgt innerhalb der Domain für Irritation, was zur Möglichkeit der Neuaushandlung von eingeübtem Verhalten führt. Neben dem inhaltlichen Ziel, den Mechanismus der Verunsicherung darzulegen, geht es den Autoren auch darum, andere Wissenschaftsdisziplinen in den Netzwerkforschungsdiskurs miteinzubinden.

Christian Stegbauer

Mohr (1998): Measuring Meaning Structures

Mohrs Aufsatz ist im Kontext des wieder erwachten Interesses an Kultur in der amerikanischen Soziologie zu verstehen. Nachdem im Laufe der 1960er Jahre der Kulturbegriff nahezu gänzlich von der soziologischen Bühne verschwunden war, erfuhr er in den 1980ern und Anfang der 1990er eine Renaissance. An die Stelle einer voluntaristischen Vorstellung von Kultur als handlungsleitende Werte mit gesellschaftlich funktionaler Bedeutung tritt nun eine Vielzahl kultureller Formen, wie Identitäten, Praktiken, Habitus, Skills, Frames, und Schemata, die sich auf einen eher diffusen Kulturbegriff stützen.

Achim Edelmann

Moody/White (2003): Structural Cohesion and Embeddedness

Der Beitrag von Moody und White befasst sich mit der Messung von Solidarität und Kohäsion als einer der klassischen Fragen der Soziologie, der sich bereits Simmel und Durkheim widmeten. Die Leistung der Autoren besteht darin, in der Kürze eines Artikels sowohl einen substantiellen Beitrag zu dieser Frage vorzulegen als auch in die Erklärungslogik der netzwerkanalytischen Methodik einzuführen. Der Beitrag wird mit einem Überblick der vielfältigen Kontexte eingeleitet, in denen sich die Soziologie bislang mit Fragen des Zusammenhalts befasste.

Tobias Philipp

Moreno (1934): Who Shall Survive ?

Jacob Moreno (1889 – 1974) gilt als der Begründer der Soziometrie und des Psychodramas. Vor seiner Immigration nach Amerika war er in Wien Teil eines lebhaften Zirkels aus Künstlern, Schauspielern, Journalisten und Schriftstellern. Der studierte Mediziner entwickelte das Stehgreiftheater und wirkte u. a. an der Erfindung eines Apparates mit, der Bild und Ton erstmals synchronisieren sollte (ein sogenannter Radio-Film).

Iris Clemens

Moreno/Jennings (1938): Statistics of Social Configurations

Moreno gilt als der Begründer der Soziometrie. Er hat die vorhandenen Wissensbestände zu einem systematischen Konzept weiterentwickelt und einen entscheidenden Beitrag zur Weiterverbreitung der Soziometrie als Methode geleistet (vgl. Wassermann und Faust 1994. S. 11, Dollase 2013, S. 18). Dazu hat vor allem die Veröffentlichung des zentralen Werkes » Who Shall Survive ? « (Moreno → 1954 [1934]) beigetragen.

Holger Spieckermann

Nadel (1957): The Theory of Social Structure

Obwohl Siegfried Nadel als Vertreter der britischen Sozialanthropologie, also der britischen empirischen Ethnologie gilt, wird sein wichtigster wissenschaftlicher Beitrag und Einfluss nicht in ethnographischen Feldstudien und deren Analysen gesehen. Bereits sein erstes Hauptwerk » The Foundations of Social Anthropology « von 1951 ist keine Systematisierung des ethnologischen Wissens oder seiner Begriff lichkeiten, sondern der Versuch, die Wissenschaftlichkeit dieser Disziplin zu fundieren und die stark deskriptive Orientierung in dieser Disziplin durch eine erklärende Ausrichtung zu ersetzen. Das zweite Hauptwerk » The Theory of Social Structure « von 1957 versucht nun diese Arbeit an der theoretischen und methodologischen Fundierung der Netzwerkanalyse.

Rainer Diaz-Bone

Newcomb (1961): The Acquaintance Process

Die in der Nachkriegszeit in Form einer Monographie abgefasste Studie Acquaintance Process entstand im » goldenen Zeitalter « (Sewell 1989) einer stark interdisziplinär ausgerichteten Psychologie in den USA. Theodore Newcomb (1903 – 1984) selbst war, unterbrochen durch Forschungen für das Militär, Leiter eines gemeinsamen Doktorandenprogramms des Instituts für Soziologie und des Instituts für Sozialpsychologie an der University of Michigan/Ann Arbor.

Philipp Korom

Newman (2001): The Structure of Scientific Collaboration Networks

Der Artikel ist ein typisches Beispiel für die in den frühen 2000er Jahren v. a. von Physikern geleisteten Beiträge zur Netzwerkforschung. Trotz seiner Kürze von nur fünf Seiten lässt er den für diese Beiträge typischen Umgang mit Daten sowie spezifische Argumentations- und Darstellungspraktiken erkennen. Drei Jahre später bezeichnet Duncan Watts (2004) diese umfangreiche und sich qualitativ vom Status quo sozialwissenschaftlicher Netzwerkforschung unterscheidende Strömung als » New Science of Networks «.

Tobias Philipp

Padgett/Ansell (1993): Robust Action and the Rise of the Medici, 1400 – 1434.

Der Text des Chicagoer Politologen John F. Padgett und seines Schülers Christopher K. Ansell ist dem Bereich der politischen Soziologie zuzuordnen. Die beiden Autoren beschreiben darin anhand sozialstruktureller Daten, wie Cosimo de’ Medici (1389 – 1464) es schaffte, seine vormals mit zweifelhaftem Ruf behaftete Familie durch geschicktes Netzwerken in eine zentrale Machtposition an die Spitze der Florentiner Führungselite zu bringen. Der in erster Linie von Herbert Simon und anschließend von Harrison White ausgebildete Padgett beschäftigte sich zuvor zumeist mit organisationssoziologischen Fragestellungen, und so interessieren sich die Autoren auch hier primär für die Strukturen der Machtbündelung in Florenz.

Claudius Härpfer

Padgett/Powell (2012): The Emergence of Organizations and Markets

Padgetts und Powells Thema ist die Erklärung institutioneller Reproduktion und Veränderung anhand konkreter multiplexer Mechanismen. Die beiden Sozialwissenschaftler mit Hintergrund in der Komplexitätstheorie verbinden Netzwerkanalyse mit Organisationstheorie und historischem Institutionalismus. Das in ihrem Buch durchexerzierte Mantra lautet: Auf kurze Sicht erzeugen Akteure Relationen; auf lange Sicht erzeugen Relationen Akteure.

Haiko Lietz

Pappi (1973): Sozialstruktur und soziale Schichtung in einer Kleinstadt mit heterogener Bevölkerung

Pappi zählt zu den wirkungsreichsten Vertretern der Politischen Soziologie. Zahlreiche Zitationen, weit über 100 internationale Zeitschriften- und Sammelbandbeiträge, dutzende Monographien und Herausgeberschaften sowie Kooperationen – stets in den Übergangszonen zwischen Politologie und Soziologie – zeigen seine Vielfalt, Schaffenskraft und Anschlussfähigkeit. Im Bereich der SNA gehört Pappi zu den frühen Schrittmachern in Deutschland: vier Jahre bevor die » Analyse sozialer Netzwerke « unter seiner Mithilfe erstmalig kraft des gleichnamigen Forschungsverbunds durch die DFG gefördert und somit institutionell thematisiert wird und drei Jahre bevor Pappi in Zusammenarbeit mit E. O. Laumann das vielseitig zitierte Werk Networks of Collective Action publiziert (→ 1976), veröffentlicht er 1973 den Aufsatz Sozialstruktur und soziale Schichtung einer Kleinstadt mit heterogener Bevölkerung in der KZfSS.

Marc-Christian Schäfer

Podolny (2005): Status Signals: A Sociological Study of Market Competition

Soziale Beziehungen werden in der Netzwerkforschung für gewöhnlich als Kanäle zur Informationsverbreitung verstanden. Freunde tauschen sich über Musik aus, Arbeitssuchende werden an Unternehmen weiterempfohlen, und Broker können durch die Kolportage ungesicherter Gerüchte Paniken in Finanzmärkten auslösen. Gleichzeitig lässt sich anhand von Beziehungsnetzwerken, so das wesentliche Argument des Buches, aber auch der soziale Rang von Akteuren ablesen.

Tobias Wolbring

Powell (1990): Neither Market nor Hierarchy: Network Forms of Organization

Mit diesem für die Organisationsforschung und Wirtschaftssoziologie paradigmatischen Artikel fasst Powell die Forschung zu interorganisatorischen Beziehungen und Netzwerken zu Beginn der 1990er Jahre zusammen und versucht ihr in Abgrenzung zur Transaktionskostentheorie eine eigene theoretische Fundierung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive zu geben. Darüber hinaus strebt Powell danach, » Netzwerk « als dritte eigenständige Steuerungs- und Regelungsform zur Koordination menschlichen Handelns neben Markt und Hierarchie zu etablieren.

Jörg Raab

Powell et al. (1996): Interorganizational Collaboration and the Locus of Innovation

Der Artikel von Powell, Koput und Smith-Doerr gehört zu den bedeutendsten Arbeiten über Innovations- bzw. Wissensnetzwerke. Die Autoren entwickeln eine Theorie des interorganisationalen Lernens und wenden diese im Rahmen einer empirischen Studie auf die Biotechnologie-Branche in der ersten Hälfte der 1990er an. Auf Basis eines aufwändig erhobenen Datensatzes betrachten sie unterschiedliche Netzwerkbeziehungen zwischen Unternehmen und untersuchen deren Einfluss auf den Unternehmenserfolg. Damit gehörten sie zu den ersten Wissenschaftlern, die einen positiven Effekt einer hohen Zentralität im FuE-Netzwerk auf den zukünftigen Erfolg im Sinne von Beschäftigungswachstum belegen konnten.

Holger Graf

Powell et al. (2005): Network Dynamics and Field Evolution

Der Struktur und Dynamik von Netzwerken wird in der soziologischen Organisations- und Netzwerkforschung bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine große Bedeutung beigemessen. Gleichzeitig fällt auf, dass einem Großteil der empirischen Studien im Bereich der interorganisationalen Netzwerkforschung eine statische Perspektive zugrunde liegt. Die Studie von Powell et al. hat dazu beigetragen, diese Diskrepanz zu verringern.

Andreas Pyka, Muhamed Kudic

Price (1965): Networks of Scientific Papers

Als in den 1960er Jahren der Science Citation Index (SCI) von E. Garfield (1955) und I. H. Sher in seiner ersten vollständigen Version zur Verfügung stand, ergab sich erstmalig die Gelegenheit, eine umfangreiche Analyse der Zitation wissenschaftlicher Texte untereinander mit Hilfe maschinenlesbarer Daten nachzuvollziehen. Aufgrund der aufwändigen Handarbeit, die ohne Maschinendaten notwendig gewesen wäre, waren Analysen der Zitationsnetzwerke bis zu diesem Zeitpunkt nur in geringem Umfang versucht worden. Erst die Verfügbarkeit des SCI erlaubte eine umfangreiche mathematisch-fundierte Analyse der Daten und insbesondere der darin immanenten Relationen.

Sebastian Zimmer

Provan/Milward (1995): A Preliminary Theory of Interorganizational Network Effectiveness

Der Artikel entwickelt einen theoretischen Rahmen zur Erklärung der Effektivität von inter-organisatorischen Netzwerken auf Basis von vier Netzwerken mit 30 – 35 Organisationen in der extramuralen psychologischen Gesundheitssorge in vier mittelgroßen Städten in den USA. Determinanten für die Effektivität sind dabei das Ausmaß an Integration des Netzwerks, Art und Intensität der externen Kontrolle, die Stabilität der Netzwerkumgebung und die Höhe der verfügbaren Ressourcen. Die Bestimmung der Effektivität basiert auf dem Indikator » Lebensqualität « der Patienten, die aus der Perspektive der Patienten selbst, des Betreuungspersonals und der Familien gemessen wird.

Jörg Raab

Radcliffe-Brown (1940): On Social Structure

Der Soziologe und Anthropologe Erving Goffman widmet sein Buch » Das Individuum im öffentlichen Austausch – Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung « (1978) A. R. Radcliffe-Brown, dem er » bei seinem Besuch in der University of Edinburgh im Jahre 1950 fast begegnet « sei. Diese – zugegeben selektive – Wertschätzung, zeigt exemplarisch die Anerkennung und die Bedeutung des englischen Anthropologen Alfred Reginald Radcliffe-Brown für die Anthropologie wie auch für zahlreiche Nachbarsdisziplinen. Einer der bedeutendsten Sozialanthropologen seiner Zeit, dessen Schwerpunkt auf der Analyse von sozialen Strukturen lag und der damit als einer der frühesten Netzwerkforscher gelten kann, wurde 1881 in Birmingham geboren und starb 1955 in London (Donohue 2010). Er war ein wissenschaftlicher Weltenbummler, der an vielen Universitäten lehrte und auf unterschiedlichen Kontinenten (z. B. Afrika und Australien) Feldforschungen durchführte (vgl. Prell 2012, S. 29).

Markus Gamper

Rapoport/Horvath (1961): A Study of a Large Sociogram

In der klassischen, von Moreno (→ 1934) inspirierten Forschung über soziale Netzwerke und bei der grafischen Darstellung von Netzwerken als Soziogramm hat man sich meist auf kleine Gruppen konzentriert. So kann man das Soziogramm z. B. einer Schulklasse leicht anschaulich grafisch darstellen und wesentliche Eigenschaften auf einen Blick erfassen. Bei größeren Gruppen oder sozialen Systemen ist dies allerdings nicht mehr möglich.

Andreas Diekmann

Rogers (1962): Diffusion of Innovations

Nur die wenigsten sozialwissenschaftlichen Fachbücher erreichen fünf Auflagen. Und noch weniger erreichen Klassikerstatus. » Diffusion of Innovations « hat beides erreicht – obwohl, oder weil, es sich klassischen Disziplinzuordnungen entzieht.

Stefan Klingelhöfer

Saussure (1916): Cours de lingusitique générale

Die Entstehungsgeschichte des Cours ist einzigartig. Denn Saussure hat bekanntermaßen niemals ein solches Buch geschrieben. Der Cours ist vielmehr auf der Basis von studentischen Vorlesungsmitschriften und Notizen aus seinem Nachlass entstanden. Diese Entstehungsgeschichte war und ist Gegenstand von Kritik wie auch von Versuchen, den » authentischen Saussure « auch auf der Grundlage seiner kürzlich entdeckten Nachlässe zu rekonstruieren (Saussure 1997, 2003).

Alexander Mehler, Christian Stegbauer, Barbara Frank-Job

Schenk (1984): Soziale Netzwerke und Kommunikation

» › Soziale Netzwerke ‹ sind weder in den Sozialwissenschaften, noch im alltäglichen Sprachgebrauch unbekannt « (S. VIII), konstatiert Schenk einleitend und verdeutlicht so, welchen Einfluss das Konzept des sozialen Netzwerkes bereits im Erscheinungsjahr des Werkes, 1984, hat – noch vor der allgemeinen Digitalisierung und Vernetzung menschlicher Kommunikation durch das Internet. Schenk stellt zudem fest, dass der Begriff in den vorangegangenen Jahrzehnten in den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen aufgetaucht ist, hier für neue theoretische Impulse gesorgt hat und bis heute an seiner Aktualität nichts verloren hat. Schenk sieht soziale Netzwerke mit einer Vielzahl an theoretischen Implikationen verbunden. Diesen Implikationen widmet er in seinem Buch besondere Aufmerksamkeit, um der Netzwerkforschung weitere Legitimation in ihrer Institutionalisierung zu verschaffen.

Jana Kollat

Schweizer (1996): Muster socialer Ordnung

Bekanntermaßen waren es britische Sozialanthropologen, die in den 1950er Jahren den Weg für die heutige Netzwerkforschung bereitet haben, insbesondere J. Barnes (→ 1954), E. Bott (→ 1957) sowie J. C. Mitchell, der als einer der ersten formale Verfahren zur Auswertung ethnologischer Daten angewendet hatte. Mit der Kritik am Strukturfunktionalismus wandte sich die Ethnologie in den 1960er und 1970er Jahren allerdings verstärkt interpretativen Richtungen zu, die kulturelle Bedeutungssysteme und Wissensbestände in den Mittelpunkt stellen. Im Zuge dieser symbolischen Wende geriet auch die ethnologische Netzwerkanalyse ins Abseits.

Betina Hollstein

Simmel (1890): Über die Kreuzung sozialer Kreise

Der Text ist ein Kapitel aus einem frühen Buch Georg Simmels. Die Soziologie existierte damals noch nicht als eigenständiges akademisches Fach, und auch Simmels eigenes Verständnis von » Soziologie « befand sich noch in der Entwicklung. Später sollte er es auf eine heute nicht mehr übliche Weise einschränken und verstehen als Lehre von den abstrakten, d. h. von empirisch-historischen Inhalten abstrahierenden » sozialen Formen « (vgl. die große » Soziologie.

Tobias Werron

Simmel (1908): Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe

Der besprochene Beitrag, erstmals 1902 im American Journal of Sociology erschienen, bildet das zweite Kapitel in Simmels Hauptwerk » Soziologie «, mit welchem er eine erste deutschsprachige Grundlegung der formalen Soziologie lieferte. Diese Benennung geht auf die Trennung von Form und Inhalt von Beziehungen zurück. Die zentrale Auffassung der formalen Soziologie ist, dass Gesellschaft als sich fortwährend aktualisierender Prozess der Wechselwirkung wesentlich aus unterschiedlichen sozialen Formen beschaffen ist.

Karoline Krenn

Snijders (1996): Stochastic Actor-oriented Models for Network Change

Während der 1970er und 1980er Jahre erschienen in den führenden soziologischen Fachzeitschriften wichtige netzwerkanalytische Arbeiten zu unterschiedlichen Themenfeldern. Im Zuge dessen wurden neue zentrale und lokale Maße, aber auch innovative Methoden etwa zur Analyse von Rollen und Statuspositionen entwickelt. Man interessierte sich für soziale Strukturen und betrachtete die Netzwerkanalyse als angemessenes Paradigma.

Michael Windzio

Stegbauer (2009): Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation

Das Buch » Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation « geht der Frage nach, was Akteure dazu veranlasst, freiwillig, ohne Zwang und Bezahlung an der Erstellung der Enzyklopädie Wikipedia mitzuarbeiten. Das Besondere an dem Werk ist, dass es zum einen versucht, klassische Problemstellungen der Soziologie aufzunehmen, aber gleichzeitig sich in einer Debatte um die » Neuheit « des Mediums Wikipedia bzw. Internet platziert (vgl. Bruns 2008). Bei der Beantwortung der Untersuchungsfrage wird dabei methodisch primär, aber nicht ausschließlich, auf die SNA und hier insbesondere das Verfahren der Blockmodellanalyse nach Harrison White sowie auf vom System erzeugte Verhaltens- und Verbindungsdaten als Datenquelle zurückgegriffen.

Gerhard Fuchs

Tacke (2000): Netzwerk und Adresse

Die Systemtheorie scheint auf den ersten Blick ein unwahrscheinlicher Kandidat dafür zu sein, der SNA ein sozialtheoretisches Fundament zu geben. Schließlich entwickelte sich die SNA in Abgrenzung zu einem als unzureichend wahrgenommenen Strukturfunktionalismus. Mit Luhmann hat sich die Systemtheorie jedoch von der Statik der strukturfunktionalistischen Theorie verabschiedet und stellt mit dem Kommunikationsbegriff die relationale Perspektive stärker in den Vordergrund (Luhmann 1984).

Boris Holzer

Uehara (1990): Dual Exchange Theory, Social Networks, and Informal Social Support

Tausch stellt eine fundamentale Kategorie sozialen Handelns (Weber 1976 [1921]) dar. Es geht dabei nicht nur um Transaktionen privater Güter und Leistungen in expliziten Märkten, sondern ebenso um den freiwilligen Tausch von beispielsweise Gaben, Gefälligkeiten und Zeit in ganz alltäglichen Interaktionen. Diese haben typischerweise gemeinsam, dass sie zwischen zwei Akteuren stattfinden, die sich bezüglich ihrer Anfangsausstattungen und/oder Präferenzen unterscheiden.

Thomas Gautschi

Uzzi (1996): The Sources and Consequences of Embeddedness for the Economic Performance of Organizations: The Network Effekt

Dies ist eine empirische Studie von Netzwerkbeziehungen zwischen Unternehmen der Textil- und Modebranche. Der Markt für die Produktion von Modekleidung scheint auf den ersten Blick ein idealtypischer Markt nach den Vorstellungen von Ökonomen zu sein: mit starker Konkurrenz, vielen Anbietern bzw. geringer Marktkonzentration und relativ niedrigen Markteintrittsbarrieren.

Barbara Kuchler

Uzzi (1997): Social Structure and Competition in Interfirm Networks: The Paradox of Embeddedness

Die Tatsache, dass Wertschöpfung mehr und mehr in komplexen, interorganisationalen Netzwerken stattfindet, hat seit den 1950er Jahren die Forschung zum Einfluss sozialer (Netzwerk-)Strukturen vorangetrieben. Die Aussage, dass die sozialen Verbindungen zwischen Firmen die Leistungsfähigkeit dieser sowie die des gesamten Netzwerkes beeinflussen, führte daher zwangsläufig zu Debatten über die Stärke dieses Einflusses sowie dessen konkrete positive und negative Effekte. Ein bedeutender Beitrag zur Forschung auf diesem Gebiet ist die Studie von Brian Uzzi aus dem Jahr 1997.

Andreas Pyka, Kristina Bogner

Uzzi/Spiro (2005): Collaboration and Creativity: The Small World Problem

Der Aufsatz von Uzzi und Spiro schließt an mehrere Diskussionen an, die Anfang der 2000er Jahre vor allem die US-amerikanische soziologische und netzwerkanalytische Forschung prägten: die Entstehung von Innovationen, die sich als wirtschaftliche und künstlerische Erfolge niederschlagen, und die soziale Strukturiertheit, die solche Innovationen ermöglichen: small worlds (kleine Welten). Kleine Welten zeichnen sich strukturell sowohl durch ihre hohe Konnektivität zum Gesamtnetzwerk als auch durch ihre interne Kohäsion aus (z. B. Watts → 1999). Im Anschluss an andere Arbeiten, die gezeigt haben, dass kleine Welten Auswirkungen auf wirtschaftliche Leistung haben (z. B. Kogut und Walker 2001), argumentieren Uzzi und Spiro, dass deren Eigenschaften es kreativen Gütern ermöglichen, von einem Cluster zu einem anderen zu zirkulieren und dabei als neu und wertvoll erachtet zu werden.

Sophie Mützel

Vedres/Stark (2010): Structural Folds: Generative Disruption in Overlapping Groups

In ihrem Artikel entwickeln Vedres und Stark einen neuen Typ einer Netzwerkposition, den des » structural fold «. Akteure, die eine solche Position einnehmen, sind gleichzeitig Mitglied von mehreren kohäsiven Gruppen. Diese Position ist somit Ausdruck einer Interkohäsion, d. h. von sich gegenseitig penetrierenden kohäsiven Strukturen.

Georg Reischauer

Watts (1999). Networks, Dynamics, and the Small World Problem

Der Text von Duncan Watts ist ein Gründungsdokument der » neuen « Netzwerkwissenschaft (Watts und Strogatz 1998). Es zeigt, wie weitgehend unabhängig von der sozialwissenschaftlichen SNA sie entstanden ist. Unter maßgeblicher Beteiligung von Naturwissenschaftlern und Mathematikern analysiert, modelliert und untersucht sie Netzwerke unterschiedlicher Gegenstandsbereiche mit dem Ziel, allgemeine Mechanismen der Netzwerkbildung zu identifizieren (vgl. Barabási/Albert → 1999).

Boris Holzer

Watts, Duncan J./Strogatz, Steven H. (1998). Collective Dynamics of » Small- World « Networks. Nature 393, S. 440 – 442.

Ein » small world «-Netzwerk ist ein stochastisches Graphmodell, das zwischen Ordnung und Zufall interpoliert und die zentralen Eigenschaften beider Pole bewahrt. Das Watts/Strogatz-Modell ist ein Beitrag zum Kleine-Welt-Problem. Milgram et al. (→ 1967; Travers und Milgram 1969) haben experimentell gezeigt, dass zufällig ausgewählte Probanden in der Lage sind, eine ihnen unbekannte, aber grob beschriebene Person indirekt anzuschreiben, indem sie einen Brief an einen Vermittler schreiben, der dann genauso vorgeht usw.

Haiko Lietz

Wellman, Barry (1979): The Community Question: The Intimate Networks of East Yorkers. American Journal of Sociology 84 (5), S. 1201 – 1231.

Der Aufsatz » The Community Question « stellt mit der ersten » East York Study « eine Pionier-Studie der amerikanischen Netzwerkforschung vor. In dieser Studie wurden 1968 die sozialen Netzwerke von 845 erwachsenen Bewohnern von East York erhoben, eines vornehmlich von Angehörigen der unteren Mittelklasse bewohnten Stadtteils von Toronto (Kanada), der den Ruf hatte, besonders gemeinschaftlich orientiert zu sein. Mit seiner netzwerkanalytischen Perspektive schließt Wellman an die Arbeiten der so genannten Pioniere der Netzwerkforschung an, die vor allem Verwandtschafts- und Nachbarschaftsverhältnisse in nahräumigen » communities « (z. B. die klassischen Studien von Barnes (→ 1954) und Bott (→ 1957)) untersuchten.

Sylvia Keim, Andreas Klärner

Wellman, Barry (1988): Structural Analysis: from method and metaphor to theory and substance. In B. Wellman & S. D. Berkowitz (Hrsg.), Social Structures: A Network Approach. Cambridge: Cambridge University Press, S. 19 – 61.

» Structural (or network) analysis has mystified many social scientists « (S. 19). Mit diesem Satz beginnt Barry Wellman seinen Beitrag, in dem er die Verwirrungen bei SozialwissenschaftlerInnen darüber, was strukturale Analyse ist – für ihn gleichbedeutend mit Netzwerkanalyse – aufzulösen sucht. Der Artikel stellt auf der Grundlage einer Übersicht bisheriger Studien die strukturale Analyse programmatisch vor und versucht das theoretisch-method[olog]ische Gravitationszentrum der sozialen Netzwerkanalyse in Abgrenzung zu bestehenden Soziologien zu manifestieren: » It [structural analysis] is a comprehensive paradigmatic way of taking social structure seriously by studying directly how patterns of ties allocate resources in a social system « (S. 20).

Andreas Herz, Annika Müller

Wellman, Barry (2001): Physical Place and Cyberplace: The Rise of Personalized Networking. International Journal of Urban and Regional Research 25 (2), S. 227 – 252.

Der Aufsatz befasst sich mit dem Paradigmenwechsel in der Forschung von gruppenzentrierten Beziehungen zu persönlichen Netzwerken. Dies wird am Beispiel der Änderung von lokal begrenzten Gemeinschaften zu internetbasierten Netzwerkgemeinschaften dargestellt. Diese Entwicklung bezeichnet Wellman als Netzwerkrevolution (S. 227), da Gemeinschaft heute in Netzwerken entsteht und nicht in Gruppen.

Marina Hennig

Wellman, Barry/Wortley, Scot (1990): Different Strokes from Different Folks: Community Ties and Social Support. American Journal of Sociology 96(3).

In ihrem Artikel führen Barry Wellman und Scot Wortley die Ergebnisse der zweiten East York Studie mit denen der ersten Welle dieser Studie zusammen. In der ersten Studie wurden mit einem standardisierten Instrument 845 Einwohner des Torontoer Vorortes East York befragt. In der zweiten Studie wurden 29 zufällig gewählte Personen aus dem Originalsample in ausführlichen, qualitativen Interviews über ihre persönlichen Beziehungsnetzwerke und die emotionale, funktionale, finanzielle und freundschaftliche Unterstützung, welche sie aus diesen beziehen, befragt.

Till Krenz, Jennifer Hauck

White, Douglas R./Johansen, Ulla (2005): Network Analysis and Ethnographic Problems. Process Models of a Turkish Nomad Clan. Lanham: Lexington Books.

Verwandtschaft als klassisches Feld der Ethnologie bzw. Sozial- und Kulturanthropologie hat seit den 1970er Jahren an Bedeutung verloren, gewinnt jedoch seit Mitte der 1990er Jahre wieder zunehmend an Aufmerksamkeit (Schnegg et al. 2010). Dazu tragen neben den new kinship studies auch die neuen Möglichkeiten der Auswertung komplexer Datensätze mittels Methoden der computational social sciences bei.

Insa Pruisken

White, Harrison C. (1963): An Anatomy of Kinship. Mathematical models for structures of cumulated roles. Englewood Cliffs: Prentice-Hall. (Originalausgabe)

Die in den 1960er Jahren neu entstehende mathematische Soziologie ist über Jahrzehnte der Teilbereich der Soziologie, der die meisten Beiträge zur Entwicklung der formalen Methoden der Netzwerkanalyse beisteuern wird. Es sind eine Reihe von zunächst naturwissenschaftlich ausgebildeten Soziologen, die dann ihre Kompetenz der formalen Modellierung und Analyse in den Dienst der Netzwerkanalyse stellen, wie James Coleman (1964) und Harrison White. Die Zeitschrift Journal of Mathematical Sociology publiziert seit 1971 bis heute Beiträge zu den fortgeschrittenen formalen Verfahren der Netzwerkanalyse.

Rainer Diaz-Bone

White, Harrison C. (1970): Chains of Opportunity. System Models of Mobility in Organizations. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Zu dem Zeitpunkt, als Harrison C. White 1963 in Harvard eintraf, war die Soziologie in den USA von Analysen von Attributdaten aus Fragebogenerhebungen und vom strukturellen Funktionalismus, wie er von Talcott Parsons vertreten wurde, geprägt (Raab 2010, S. 32). White grenzte sich von dieser Art sozialwissenschaftlicher Forschung ab und wurde zur » treibenden Kraft für die Weiterentwicklung der Netzwerkanalyse « (Schmitt und Fuhse 2015, S. 12). Mit einer Gruppe von Doktoranten und Kollegen leitete White mit dem sogenannten » Harvard Breakthrough « den Durchbruch des relationalen bzw.

Martina Rebien

White, Harrison C. (1981): Where Do Markets Come From ? American Journal of Sociology 87, S. 517 – 547.

Whites Analyse von Marktstrukturen schließt an seine frühen Arbeiten innerhalb der SNA und den sogenannten » Harvard Breakthrough « an, der sich auf die Ableitung von Rollen aus Netzwerkstrukturen bezog. Dabei werden auch Produktionsmärkte als solche Strukturen aufgefasst. Außerdem reiht er sich damit in die aufkommende neue Wirtschaftssoziologie ein, die sich aufmacht, die neoklassische ökonomische Theorie einer durchgreifenden Kritik zu unterziehen, und dabei vor allem davon ausgeht, dass man sowohl ökonomische Akteure, als auch ökonomische Strukturen und Institutionen wie Märkte als eingebettet in andere Strukturen konzipieren muss, von denen die jeweilige Ausprägung der Strukturen abhängt.

Marco Schmitt

White, Harrison C. (1995): Network Switchings and Bayesian Forks: Reconstructing the Social and Behavioral Sciences. Social Research 62 (4), S. 1035 – 1063.

Nach seinem ersten großen Theorieentwurf (White → [1992] 2008) präsentiert dieser Text die erste markante theoretische Weiterentwicklung. White führt darin sein Projekt fort, eine andere Form der soziologischen Forschung zu etablieren. Es werden neue, für seine Netzwerktheorie mittlerweile einschlägige Begriffe eingeführt, inklusive eines punktuellen Einbaus in seine vorherigen Überlegungen.

Athanasios Karafillidis

White, Harrison C. (2008): Identity and Control. How Social Formations Emerge. Princeton: Princeton University Press.

Harrison White hat sein theoretisches Hauptwerk gleich zweimal aufgelegt. Während die erste Ausgabe von 1992 sich vor allem darum bemühte, der SNA ein stärkeres theoretisches Fundament aus soziologischer Sicht zu geben, sollte die zweite Auflage eine Reihe neuer Ideen aufnehmen und sich auch unter Rezeptionsgesichtspunkten stärker auf die Diskussion mit anderen theoretischen Ansätzen einlassen. Dabei werden vor allem zwei Diskussionsstränge innerhalb der Netzwerkforschung, die auch durch die erste Auflage mit angestossen wurden, stärker in den Fokus gerückt: zum einen die stärkere Berücksichtigung von sozialem Sinn oder kulturellen Formen innerhalb der Netzwerkforschung (Mohr → 1998, Emirbayer → 1997 u. a.) und zum anderen die stärkere Berücksichtigung von Zeit als zusätzlicher Dimension bei der Betrachtung von Netzwerken (Snijders → 1996).

Marco Schmitt

White, Harrison C./Boorman, Scott A./Breiger, Ronald L. (1976): Social Structure from Multiple Networks: I. Blockmodels of Roles and Positions. American Journal of Sociology 81 (4), S. 730 – 780.

Es handelt sich um einen der wichtigsten Schlüsseltexte der Netzwerkforschung, da er maßgeblich den so genannten » Harvard Breakthrough « ausgelöst hat. Der Durchbruch besteht darin, dass (a) die Netzwerkforschung mit eigenständigen Methoden – hier die Blockmodellanalyse – aufwartet und (b) zu einer gewichtigen Forschungsperspektive innerhalb der Sozialwissenschaften avanciert. Entsprechend (a) nimmt im Aufsatz die Abgrenzung zur Soziometrie Jacob Morenos (→ 1954) einen großen Raum ein.

Roger Häußling

Windolf (2002): Corporate Networks in Europe and the United States

Der Wirtschaftssoziologe Paul Windolf untersucht in seiner Studie zu » Corporate Networks in Europe and the United States « die Struktur der Verflechtung von Großunternehmen im internationalen Vergleich. In dieser Arbeit führt er seine bereits anderweitig veröffentlichten Beiträge zur quantifizierenden Sozialen Netzwerkanalyse von Unternehmensverflechtungen, insbesondere der » Deutschland AG «, in einer Monographie zusammen. Seine beiden primären Forschungsfragen sind dabei: Welche Strukturen haben die Unternehmensnetzwerke und wie können strukturelle Unterschiede der Netzwerke zwischen Ländern erklärt werden ? Nach Windolf können weder funktionalistische Theorien, wie der Transaktionskostenansatz (Williamson 1985) oder Informationstheorien (Granovetter → 1973) noch Macht- und Kontrolltheorien, wie zum Beispiel der Sozialkapitalansatz (Bourdieu → 1983), die Entstehung und den Wandel von Unternehmensnetzwerken abschließend erklären.

Martin Stark

Ziegler (1984): Das Netz der Personen- und Kapitalverflechtungen deutscher und österreichischer Wirtschaftsunternehmen

Rolf Zieglers Artikel dokumentiert als erster » in diesem Umfang Personen- und Kapitalverflechtungen deutscher und österreichischer Wirtschaftsunternehmen « (S. 588) in der Nachkriegszeit. Die im Rahmen eines DFG-Projektverbundes zur » Analyse sozialer Netzwerke « (zusammen mit Hubert Feger, Hans Hummell, Franz Pappi und Wolfgang Sodeur) entstandene Studie greift theoretisch und methodisch als eine der wenigen deutschsprachigen Veröffentlichungen der Zeit auf das moderne Instrumentarium des damals in der Entstehung begriffenen Forschungsfeldes der » Social Network Analysis « zurück. Inhaltlich steht der Artikel in der amerikanischen Tradition von Untersuchungen über » Interlocking Directorates «, wie sie in den USA vor allem hinsichtlich der » Anti-Trust «-Politik eine große Rolle spielen, d. h. zur Identifizierung von wettbewerbshinderlichen Verflechtungen von Unternehmen.

Raphael Heiberger

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