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20.11.2017 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Wichtigster akademischer Knotenpunkt in der MENA-Region"

Autor:
Nico Andritschke
Interviewt wurde:
Prof. Dr.-Ing. Matthias Barjenbruch

ist Leiter des Fachgebiets Siedlungswasserwirtschaft an der TU Berlin. Seit 2016 ist er gleichzeitig Direktor des ägyptischen Campus El Gouna, dem einzigen Auslandsstandort einer deutschen Universität.

Die MENA-Region hat einen hohen Fachkräftebedarf, bedeutsam sind vor allem Stadtentwicklung und Technischer Umweltschutz. Matthias Barjenbruch stellt die Ausbildung in einem einzigartigen Projekt vor. 

Springer Professional: Warum engagiert sich ihre Universität im Ausland?

Matthias Barjenbruch: Die Idee der Gründung eines TU-Campus in El Gouna wurde vor 11 Jahren geboren. Auf Initiative des ägyptischen Unternehmers Samih Sawiris, einem ehemaligen Absolventen des Wirtschaftsingenieurwesens der TU Berlin und des damaligen Präsidenten Prof. Dr. Kurt Kutzler wurde die Basis für ein gemeinnütziges Public-Private-Partnerschafts-Projekt gelegt. Der Unternehmer hatte festgestellt, dass das Ausbildungsniveau der ägyptischen Hochschulabgänger nicht dem internationalen Standard entspricht, weil die Lehre häufig sehr theoretisch geprägt ist und die von Unternehmen geforderte wichtige Praxisorientierung fehlt.
Gleichzeitig hatte die TU Berlin, derzeit mit einem Anteil von etwa 20 Prozent an ausländischen Studierenden, schon länger ein Interesse daran, ihr Profil weiter zu internationalisieren. Ein eigener Campus im Ausland stellt für eine deutsche Universität ein Alleinstellungsmerkmal dar und bietet die Möglichkeit der akademischen Ausbildung und Forschung direkt vor Ort. Es ist ein wichtiger Beitrag, die gut ausgebildeten jungen Menschen im eigenen Land zu halten. 
Mehrere Verträge zwischen dem Land Berlin und der ägyptischen Regierung bilden die politische und administrative Basis für das Projekt. Eine gemeinsame Kommission entwickelte auf der Grundlage des Berliner Hochschulrechts das Ausbildungskonzept, wobei die Entscheidungsbefugnis bei der TU Berlin liegt. Es ist der einzige deutsche Hochschulstandort im Ausland, an dem akademische Masterabschlüsse nach deutschem Hochschulrecht erzielt werden können. Inzwischen haben wir in diesem Jahr bereits 5-jähriges Jubiläum gefeiert.

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Die deutsche Hochschullandschaft stellt sich grob vereinfacht folgendermaßen dar: Etwa 400 Hochschulen ringen um nationale und internationale Sichtbarkeit aufgrund sehr unterschiedlicher Motive. Die Privathochschulen positionieren sich in Nischen.


Welche Studiengänge werden angeboten?

Es wurden die drei Studienprogramme "Energy Engineering", "Urban Development" und "Water Engineering" mit einer Kapazität von jeweils 30 Studierenden aufgestellt. Das sind die technischen Disziplinen mit Praxisorientierung, die in der Region am meisten gebraucht werden. Parallel dazu erfolgte der Bau des Campus mit Büroräumen, Hörsälen, Laboren und dem Technikum nach deutschen Standards unter Kontrolle des TÜV.
Derzeit lernen auf dem Campus in El Gouna 170 Studierende aus vier Kontinenten, die aus 25 Ländern kommen und 14 Sprachen sprechen. Alle Vorlesungen und Seminare werden englischsprachig abgehalten. 2017 haben sich mehr als 560 junge Menschen um einen Studienplatz beworben, wobei etwa 200 Bewerber die notwendigen Aufnahmekriterien für ein Masterstudium erfüllten. Letztlich wurden 70 Studenten immatrikuliert. Wir haben bisher noch keine volle Auslastung erreicht. Die größte Herausforderung stellt für uns die Einwerbung von Stipendien für Studiengebühren und den Lebensunterhalt der Studenten dar, was eigentlich nicht zum Kerngeschäft einer Universität gehört. Wäre das gelöst, hätten wir auch eine größere Anzahl von Studienanfängern. Hier erhoffen wir uns eine weitere Unterstützung unter anderem von der deutschen Wirtschaft. 

Das Projekt ist ja vor allem zur Selbsthilfe gedacht. Wer sind die Studenten und was lernen sie?

Die Siedlungsentwicklung erfolgt in Entwicklungsländern der Regel eher ungeplant, spontan und beruht häufig auf individuellen Initiativen. Ebenfalls basiert die Energieversorgung Ägyptens vorwiegend auf fossilen Ressourcen. Wasserseits ist die MENA-Region arid geprägt. Ägyptens Wasserversorgung hängt nahezu ausschließlich vom Nil ab. Zur Lösung dieser strukturellen Probleme tragen unsere drei Studienprogramme bei, in dem zum Beispiel moderne Planungsmethoden, Technologien zur Nutzung von erneuerbaren Ressourcen sowie Maßnahmen zur Wasserwiederverwendung https://www.springerprofessional.de/verfahren-der-wasserwiederverwendung9/4553532 und zur besseren Nutzung der Grundwasservorkommen praxisorientiert vermittelt werden. Die Studienprogramme sind modulweise aufgebaut, dabei müssen bis zum Masterabschluss 120 ECTS (European Credit Transfer System) absolviert werden. Im zweiten Semester findet die Lehre in Deutschland statt, um auch die deutsche Kultur und Arbeitsweise zu vermitteln. Im vierten Semester wird die Masterarbeit geschrieben, die in Kooperation mit ägyptischen oder deutschen Unternehmen bearbeitet werden kann. Das Programm wird durch Kurse zum interdisziplinären Arbeiten abgerundet.
Künftig soll die Lehre um weitere Angebote ausgebaut werden. Es sollen auch weitere Forschungsprojekte durchgeführt und dafür erforderliche Finanzmittel eingeworben werden. Hierzu ist es wichtig, dass der Campus auch von den deutschen Forschungsmittelgebern besser wahrgenommen wird. Der Campus soll der wichtigste deutsche akademische Knotenpunkt für nachhaltige Lehre und Forschung in der gesamten MENA-Region werden.

Wie gehen Sie mit der aktuellen politischen Lage um, ist ein sicherer Studienbetrieb gewährleistet?

Es gab Situationen, in denen wir uns intensiv mit der Sicherheitslage beschäftigen mussten. Hierzu standen und stehen wir im engen Kontakt mit dem Auswärtigem Amt und der deutschen Botschaft in Ägypten. Ich selbst fühlte mich in der privaten Stadt El Gouna jederzeit gut aufgehoben. Unter der derzeitigen Regierung ist die Situation vor Ort wieder sicher, soweit man in heutigen Zeiten von Sicherheit sprechen kann.

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