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05.11.2018 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Handel hat erheblichen Einfluss auf Biodiversität"

Autor:
Nico Andritschke

Das Wirtschaften global agierender Unternehmen hat starken Einfluss auf den Rückgang der biologischen Vielfalt. Biodiversitätsmanagement muss Teil der Unternehmenspolitik sein, sagt Dr. Katrin Reuter.



Springer Professional: Die Vereinten Nationen haben die Jahre 2011 bis 2020 zur UN-Dekade für biologische Vielfalt erklärt. Weshalb bedarf es der besonderen Aufmerksamkeit für dieses Thema?

Katrin Reuter: Der Rückgang der biologischen Vielfalt ist neben dem Klimawandel das gravierendste Umweltproblem unserer Zeit. Biologische Vielfalt stellt neben ihren nicht quantifizierbaren intrinsischen Werten die Grundlage der menschlichen Lebensbedingungen und natürlich auch des Wirtschaftens dar. Bei biologischer Vielfalt geht es nicht nur, aber auch um Ökosystemleistungen, also die "Leistungen" die Menschen aus der Natur beziehen, häufig ohne dass diese Kosten volkswirtschaftlich oder betriebswirtschaftlich berücksichtigt werden. "Biologische Vielfalt" als Begriff beinhaltet aber auch, dass es nicht nur um diese "Leistungen" geht, sondern auch um Vielfalt, also eine vielfältige Natur mit ganz unterschiedlichen Arten, Ökosystemen und genetischer Vielfalt. Der Rückgang der Biodiversität setzt sich, wie eine Vielzahl an Studien zeigt, ungebremst fort. Deshalb bedarf es in allen gesellschaftlichen Bereichen dringend mehr Aufmerksamkeit für das Thema.

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Der Einfluss global agierender Unternehmen mit ihrer Produktions- und Vertriebsstruktur auf die biologische Vielfalt ist unbestritten. Gibt es belastbare Untersuchungen die zeigen, wie groß der Verlust an Artenvielfalt durch unternehmerisches Handeln bereits ist?

Es gibt wenige Untersuchungen, die diese Frage in dieser Allgemeinheit stellen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Biodiversität ein komplexes Thema ist. Eine der wenigen Studien dazu ist die viel zitierte Studie von Lenzen et al. aus dem Jahr 2012. Hier wurde der Einfluss des internationalen Handels auf Biodiversität in den so genannten Entwicklungsländern untersucht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der internationale Handel einen erheblichen Einfluss auf Biodiversität hat und ein Treiber des Verlustes an Artenvielfalt ist. Das hat natürlich auch mit internationalen Lieferketten zu tun und damit, dass die Rohstoffe für Produkte häufig nicht daher kommen, wo die Produkte produziert und letztlich konsumiert werden.

Nach dem "Übereinkommen über die biologische Vielfalt" im Jahr 1992 sollte die Privatwirtschaft in den Schutz und die nachhaltige Nutzung von Biodiversität eingebunden werden. Inwieweit ist das in den letzten 25 Jahren gelungen?

Es ist schon einiges passiert, auch wenn dies natürlich immer noch nicht ausreichend ist. In Deutschland gibt es die "Biodiversity in Good Company" Initiative, in der sich Unternehmen verschiedener Branchen zusammengeschlossen haben, um sich gemeinsam für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der weltweiten Biodiversität zu engagieren. Die Initiative gibt es mittlerweile seit zehn Jahren, zunächst als Projekt des Bundesumweltministeriums, seit 2011 als gemeinnützigen Verein. Außerdem gibt es in Deutschland seit fünf Jahren die Verbändeplattform "Unternehmen Biologische Vielfalt 2020", eine Plattform des Bundesumweltministeriums und verschiedener Wirtschafts- und Naturschutzverbände, die einen Beitrag zur Umsetzung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt leistet. Auch in anderen Ländern gibt es, in ganz unterschiedlichen Organisationsformen, nationale Initiativen an der Schnittstelle Wirtschaft und Biodiversität. Auf internationaler Ebene gibt es die Global Platform on Business and Biodiversity der CBD und auf EU-Ebene die Business @ Biodiversity Platform. Innerhalb dieser Gremien gibt es einen regen Austausch zum Thema. 

Die Zerstörung von Tropenwäldern, die Förderung seltener Rohstoffe für die Elektronikbranche oder der Einsatz von Glyphosat sind bekannte Negativbeispiele. Wie können Firmen dazu gebracht werden, Biodiversitätsmaßnahmen in Lieferketten zu integrieren und sie zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Unternehmenspolitik zu machen?

Zunächst einmal müssen Unternehmen ihre Lieferkette kennen. Das ist leider nicht so trivial und so selbstverständlich, wie es zunächst klingt. Gerade Unternehmen mit komplexen Produkten oder mit einer Vielzahl von Produkten haben häufig Schwierigkeiten, ihre Lieferkette wirklich genau zu kennen und die Rohstoffe bis zum Ursprung zurückzuverfolgen. Beim Thema biologische Vielfalt fällt es Unternehmen und Verbänden außerdem häufig noch schwer, die Bezüge herzustellen. Man kann es jedoch auf konkrete Fragen herunterbrechen: Woher kommen meine Rohstoffe? Welche Landnutzung steckt in den Produkten und Vorprodukten? Was bedeutet das für Boden, Luft und Wasser? Die Frage nach biologischer Vielfalt in Lieferketten gewinnt zunehmend an Bedeutung und es gibt immer mehr Unternehmen, die sich damit auseinandersetzen.

Gibt es Beispiele mit Vorbildcharakter? 

Es gibt sicherlich viele gute Beispiele, aber leider immer noch viel zu wenige. Ohne einzelne Unternehmen herausgreifen zu wollen, lässt sich sagen, dass es den Mitgliedern der "Biodiversity in Good Company" Initiative ein Anliegen ist, das Thema selbst aufzugreifen und auch andere dafür zu sensibilisieren. 

Mit welchen Maßnahmen machen Sie aktuell auf das Thema Biodiversität aufmerksam?

Wir haben im August zusammen mit dem Bundesumweltministerium (BMU) und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) einen Wettbewerb zum Thema gestartet: "Die Lieferkette lebt. Lieferketten gestalten, biologische Vielfalt erhalten". Mit dem Wettbewerb möchten wir Unternehmen auszeichnen, die sich der herausfordernden Aufgabe stellen, biologische Vielfalt in das Lieferkettenmanagement zu integrieren und Licht auf die vielfältigen Aktivitäten werfen, die es dazu bereits gibt. Bewerbungsfrist ist der 30. November 2018. Informationen finden interessierte Firmen auf der Webseite www.wettbewerb-die-lieferkette-lebt.de.

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