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27.01.2022 | Wärme | Im Fokus | Online-Artikel

Ohne radikale Kurskorrektur keine Wärmewende

verfasst von: Frank Urbansky

3 Min. Lesedauer
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Wissenschaftler, unter anderem von Agora Energiewende, kommen zu dem Schluss: Bereits ab 2024 dürften keine fossilen Heizungen mehr verbaut werden, wenn man die Klimaziele 2045 erreichen will.

Der Wärmemarkt ist das Stiefkind der Energiewende. Selbst im Coronajahr 2020 war er der einzige Sektor, der seine ohnehin schon tief gesteckten Klimaziele nicht erreichen konnte. "Konkret ist die Realisierung einer energiegerechten (Versorgung) u. a. deshalb schwierig, weil es sich bei Gebäuden um sehr langfristige Infrastrukturen handelt, die nur in größeren Zeiträumen an die energetischen Erfordernisse anzupassen sind. […] Insofern ist es verständlich, dass die Wärmewende der Stromwende stark hinterherhinkt; einerseits ist eine Forcierung der Wärmewende erforderlich, andererseits bedingen sich Strom- u. Wärmewende zunehmend gegenseitig", benennt Springer-Gabler-Autor Thomas Göllinger in seinem Buchkapitel Energiewende aus Sicht der Energie-, Umwelt- und Klimaschutz-Ökonomik auf Seite 37 die Schwierigkeiten.

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2021 | OriginalPaper | Buchkapitel

Energiewende aus Sicht der Energie-, Umwelt- und Klimaschutz-Ökonomik

Während die traditionelle industrieökonomische Perspektive aus Gründen der ökonomischen Effizienz auf die Internalisierung der externen Kosten fossiler Energien mittels Instrumenten der CO2-Bepreisung setzt und hierzu vor allem das System der Emissionszertifikate ausbauen möchte, bei gleichzeitiger Zurückdrängung prozesspolitischer Detailregulierungen, strebt die evolutorisch-systemische Perspektive eine größere Instrumentenvielfalt an, unter Wahrung bewährter ordnungsökonomischer Prinzipien.

Stiftung Klimaneutralität, Agora Energiewende und Agora Verkehrswende haben 50 Vorschläge gemacht, wie eine künftige Bundesregierung die Treibhausgas- und damit die Klimaproblematik in den Griff bekommen könnte. Ein erster Teil der Vorschläge widmete sich dem Strommarkt und der Elektromobilität. Ein zweiter Teil stellte die Vorschläge für Industrie und Landwirtschaft vor.

Heute nun geht es um die Wärmewende im Gebäudesektor. Die Vorschläge zielen unter anderem darauf ab, dass ab 2024 in Neubauten der Einbau fossiler Heizungsanlagen nicht mehr zulässig sein soll. Für Bestandsgebäude werden im Sanierungsfall erhöhte energetische Anforderungen gesetzlich festgelegt. Gefördert werden soll das jährlich mit zwölf Milliarden Euro.

Höhere energetische Standards ab 2025

Die neue Bundesregierung zielt zumindest im Koalitionsvertrag in eine ganz ähnliche Richtung. Hier soll ab 2025 der EE40-Standard im Neubau und bei umfassenden Bestandssanierungen gelten. Das bedeutet eine Energieeinsparung von über 30 Prozent gegenüber dem bisher gesetzten KfW-70-Standard, bezogen auf den Verbrauch je Quadratmeter und Jahr. Gleichzeitig sollen nur noch Heizsysteme zugelassen werden, die mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien nutzen. Dafür kommen nur elektrische Heizsysteme oder solche, die Biomasse nutzen, in Frage. Solarthermie fällt hier raus.

Vorgeschlagen wird auch, dass die steigenden CO₂-Kosten ab 2023 nicht mehr auf die Mieter umgelegt werden dürfen. Die Vermieter sollen dadurch einen Anreiz zur energetischen Sanierung und Umstellung auf CO₂-freie Heizsysteme haben. Gleichzeitig soll die Modernisierungsumlage auf 1,5 Prozent abgesenkt werden. Als weitere Instrumente werden die Verbindlichkeit kommunaler Wärmeplanung, die Förderung serieller Sanierung und Anreize für den Einsatz von Wärmepumpen genannt.

Energieträgerwechsel nötig

Ähnlich sehen das auch andere Wissenschaftler. "Um den Gebäudesektor auf Kurs zur Klimaneutralität zu bringen, zeigt der Modellvergleich die Notwendigkeit eines konsequenten Energieträgerwechsels und einer Steigerung von Sanierungsrate und Sanierungstiefe auf", erläutert Christoph Kost, Ko-Leiter des Ariadne-Arbeitspakets Wärmewende am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE.

Bis 2030 müsste die jährliche Sanierungsrate auf 1,5 bis 2 Prozent steigen. Fünf Millionen Wärmepumpen müssten installiert und etwa 1,6 Millionen Gebäude neu an das Fernwärmenetz angeschlossen sein.

Elektrische Wärmesysteme wie die Wärmepumpe böten auch noch andere Vorteile. "Nicht nur können sich heute Endkunden ihren Stromanbieter und Tarif auswählen, auch eine Beteiligung oder sogar eigene Betreibung von Energieerzeugungs- und Speichersystemen ist möglich; die Wärmewende basiert in Teilen auf diesem Modell", benennt dies Springer-Autor Jörg Radtke in seinem Buchkapitel Die Energiewende: Stromwende an ihren Grenzen, Wärmewende offen auf Seite 20.

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