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2022 | Buch

News und Fake News zum Thema Impfen

Theorie und Analyse deutscher Print- und YouTube-Inhalte mit Fokus auf Moralbezüge

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Über dieses Buch

Desinformation, Fake News zerstören Vertrauen und ver- oder behindern die rekonstruktive Konstruktion von Wirklichkeit mit weitreichenden Folgen für das individuelle Lernen und das gesellschaftliche Handeln. Die Arbeit beschreibt und definiert vor dem Hintergrund einer theoretisch-analytischen Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsbegriff das Realphänomen der Fake News. Im empirischen Teil wird die deutschsprachige Impfkommunikation der Jahre 2018-2019 in ausgewählten Printmedien und auf YouTube im Rahmen einer Inhaltsanalyse unter anderem auf Fake News hin untersucht. Ebenfalls wird die Moral Foundations Theory genutzt, um moralische Inhaltsbezüge zu dekodieren und ihren Zusammenhang mit Fake News herzustellen. Kapitel zur Gesundheitskommunikation und zur Geschichte der Impfgegner bieten weiteren Kontext zur Deutung der Ergebnisse.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Kapitel 1. Einleitung
Zusammenfassung
Die Erstellung, Verbreitung und Rezeption von „Fake News“ ist in den vergangenen Jahren im Kontext politischer Auseinandersetzungen, der US-Präsidentschaft von Donald Trump und auch der Empfehlungs-, Selektions- und Präsentationsmechanismen von Social Media ein öffentlich und wissenschaftlich häufig diskutiertes Phänomen. Fake News betreffen aber beispielsweise auch Gesundheitsthemen wie das „Impfen“, mit dem sich der vorliegende Text im Rahmen einer Inhaltsanalyse von Printmedien und YouTube-Beiträgen befasst. Dabei wurde ein Fokus auf die moralischen Bezüge der Inhalte und deren Kommunikationswirkung gelegt sowie die Geschichte der Fake News und der Impfgegner beleuchtet. Auch wenn der Untersuchungszeitraum der Studie vor der Corona-Pandemie liegt, liefern Theorie und Studienergebnisse der interdisziplinären Arbeit übertragbare Hintergründe und Erkenntnisse auf die derzeitige Situation und Diskussion sowie die individuellen und gesellschaftlichen Konflikte entlang konkurrierender Werte wie Freiheit, Sicherheit und Gesundheit.
Martin Fensch
Kapitel 2. Theoretisch-analytische Grundlegung
Zusammenfassung
Eine Auseinandersetzung mit Definitionen, Positionen und Reflexionen zum Begriff der „Wahrheit“ zeichnen jenen Hintergrund, vor dem das Phänomen der Fake News deutlich umrissen werden kann. Aufbauend auf der Reflexion von korrespondenztheoretischen Wahrheitskonzepten, den Arbeiten von Vollmer zur evolutionären Erkenntnistheorie, sowie dem rekonstruktiven Ansatz von Bentele, wird folgende Annahme zugrunde gelegt: ‚Es gibt eine objektiv existierende Welt, die uns durch die Wahrnehmung und kognitive Erkenntnis zugänglich ist. In einem Prozess der Selektion, Perspektivität und Konstruktion und dadurch Rekonstruktion entstehen in einem Wechselspiel zwischen objektiven und vorhandenen oder erworbenen subjektiven Strukturen Bilder der Wirklichkeit. Diese werden immer wieder im Rahmen von Erwartung mit der objektiv existierenden Welt verglichen und bei Unterschieden aktualisiert.‘ Der rekonstruktive Ansatz, der erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Ansätze in eine kommunikations- und medienwissenschaftliche Theorie übersetzt, in deren Mittelpunkt das Verhältnis von Wirklichkeit und medialer Wirklichkeit steht, schafft dabei gleichsam den theoretischen Rahmen, innerhalb dessen die (codierten) medialen Inhalte in Beziehung zu Wirklichkeit, Objekt und Kommunikationswirkung gesetzt werden können. Auf der Grundlage dieser Auseinandersetzung mit Wahrheit, Wirklichkeit und Medien wird das Phänomen der Fake News analysiert, historisch eingeordnet und definiert. Fake News sind nicht neu. In Anwendung eines Schichtenmodells werden Entwicklungs-, Adaptions- und Integrationsschritte bis zu den Anfängen der menschlichen Kommunikation aufgezeigt. Was sie aber zu einem Realphänomen der heutigen Zeit machen, sind die Möglichkeiten der digitalen Welt: Computertechnik und -programme, globale Vernetzung, breiter Zugang zu Informationen, Such- und Empfehlungsalgorithmen, die digitalen und vor allem die sozialen Medien. Fehlende Standards und Kontrollprozesse ermöglichen zudem die gezielte Erstellung von Fake News, die bestimmte Wahrnehmungsmuster bedienen und so zu intendierten Reaktionen der Rezipienten führen. Die Arbeit definiert Fake News in Abgrenzung zu bisherigen Definitionen wie folgt: ‚Fake News sind falsche Informationen, die antizipierte Wahrnehmungsmuster der Rezipienten bedienen, absichtlich hergestellt und in medialen Passungen zumeist zum Zwecke der Meinungsmanipulation verbreitet werden.‘ Auf die Verarbeitung von Informationen haben wiederum Aspekte wie erworbene Überzeugungen oder Glauben, Wissen und auch phylogenetische, moralische Grundeinstellungen Einfluss. Folgt man der Moral Foundations Theory können diese auch bei der Rezeption von Fake News zu intuitiven Affekten der Ablehnung führen. Mit dem Moral Foundations Questionnaire (MFQ) besteht ein Instrument, um moralische Dispositionen abzufragen und Kategorien zuzuordnen. Fragen aus dem MFQ und dessen Kategoriensystem wurden für die Analyse von Inhalten zum Thema „Impfen“ adaptiert, um zugrunde liegende moralische Position zu dekodieren. Zwischen ihnen, den journalistischen Medien und direkten Erfahrungen entstehen Agenda-Setting-Effekte, die letztlich ebenfalls die Wirklichkeitskonstruktion der Rezipienten und die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen können.
Martin Fensch
Kapitel 3. Traditionelle Printmedien und Social Media (YouTube): eine Beschreibung
Zusammenfassung
Die Nutzung des Internets als Medium zur breiten Informationsvermittlung hat zu erheblichen Veränderungen der Mediennutzung geführt. Printerzeugnisse haben dramatisch an Reichweiten verloren und diesen Bedeutungsverlust auch durch E-Paper-Ausgaben nicht ausgleichen können. Auf noch immer hohem Nutzungsniveau haben zuletzt auch klassische Fernseh- und Radioangebote Einbußen erfahren. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Verteilung von Werbeeinnahmen auf die unterschiedlichen Werbeträger. Hier haben Internet basierte Werbeformen die Führung übernommen. In der Kategorie „Bewegtbild“ hat YouTube neben dem klassischen Fernsehen und Streamingdiensten insbesondere bei jüngeren Nutzern eine führende Rolle eingenommen. Der Wettbewerb um Nutzer und Werbeinnahmen verläuft heute zwischen Journalismus und neuen Medien. Letztere produzieren die Aufmerksamkeit, die sie an Werbekunden verkaufen, zu niedrigeren Kosten und können sie flexibler und zielgenauer anbieten sowie technisch (bei YouTube zum Beispiel über das Empfehlungssystem) optimieren.
Martin Fensch
Kapitel 4. Impfen: Gesundheitskommunikation und gesellschaftliche Diskussion
Zusammenfassung
Die individuelle, gesellschaftliche und staatliche Bedeutungsebene des Themas „Impfen“ erzeugen einen vielschichtigen Untersuchungsgegenstand, dessen Konfliktlinien nicht nur von den unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch von Einstellungen, Moralvorstellungen, Erfahrungen, der ärztlichen und medialen Kommunikation sowie Gruppenzugehörigkeiten geprägt sind. Durch die Corona-Pandemie erhält er zusätzliche Aktualität. Impfstoffe können heute vor mehr als 25 schweren oder lebensbedrohlichen Krankheiten schützen. Dennoch haben viele Menschen Vorbehalte gegen das Impfen. Ihr Anteil ist über viele Jahre konstant. Verschiedene Studien und Modelle erläutern, welche Faktoren wie die Impfbereitschaft beeinflussen und welche Rolle die Gesundheitskommunikation dabei spielt. Mit dem Aufkommen sozialer Medien, wie YouTube und Facebook, beziehen Menschen heute Gesundheitsinformationen von traditionellen und neuen Medien. Letztere können bestehende Einstellungen verfestigen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Ablehnung von Impfungen nicht neu ist, sondern bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Dies deutet darauf hin, dass grundlegende Argumentations- und Perzeptionsmuster zumindest teilweise universell und tradiert sind.
Martin Fensch
Kapitel 5. Analyse der Berichterstattung und von Fake News zum Thema „Impfen“ in deutschen Printmedien und auf YouTube mit Fokus auf moralische Bezüge
Zusammenfassung
Die untersuchte Printberichterstattung zum Thema Impfen ist in ihrer Tonalität überwiegend positiv. Im Gegensatz dazu sind die untersuchten Beiträge auf YouTube überwiegend negativ, neutral oder ambivalent. Die YouTube-Inhalte sind dabei in 31 Prozent der Fälle Fake News. Diese Beiträge beschreiben das Impfen in hochemotionalen, moralisch negativ konnotierten Kategorien. Der stark dominierende moralische Bezug in der Print-Stichprobe ist die Kategorie „Care“. In 86,6 Prozent der Print-Beiträge wird das Impfen als ein Akt der Fürsorge, des Schutzes oder der Vorsorge dargestellt. „Fairness“, „Loyality“ und „Authority“ sind drei weitere Kategorien, die in etwa 35 Prozent aller Artikel vertreten sind. Die Kategorie „Purity“ hingegen spielt in den Printmedien keine Rolle. In keinem Artikel wurde das Impfen als „Harm“ beschrieben. Im Vergleich zeigt die YouTube-Stichprobe mehr Varianz in der Verwendung von moralischen Assoziationen. Negative Bezüge wie „Harm“, „Cheating“, „Betrayal“ und „Degradation“ treten signifikant häufiger auf. Dieses Bild verstärkt sich bei den Fake News auf YouTube. Hier wird Impfen überwiegend als „Harm“ (83 Prozent), „Cheating“ (83 Prozent), „Betrayal“ (82 Prozent) und „Degradation“ (76 Prozent) dargestellt. Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen damit die Hypothese, dass YouTube maßgeblich zur Verbreitung von Fake News zum Thema „Impfen“ beiträgt und, dass diese Beiträge aufgrund ihrer ausgeprägt negativen moralischen Bezüge zu intuitiven Affekten der Ablehnung führen können. Es deutet sich zudem an, dass - im Ansinnen ausgewogener Berichterstattung - Journalisten in Pro/Contra-Beiträgen zur Verbreitung von Fake News beitragen. Dieser „False Balance“-Effekt kann als Teil eines Agenda-Setting-Effekts zwischen und innerhalb der Medien verstanden werden, der sich ebenfalls in den Ergebnissen der Analyse abzeichnet.
Martin Fensch
Kapitel 6. Überblick über die Hypothesen und Ergebnisse
Zusammenfassung
Dieses Kapitel bietet einen zusätzlichen Überblick über die Hypothesen und Ergebnisse.
Martin Fensch
Kapitel 7. Desiderate
Zusammenfassung
Fake News sind und bleiben in jeder Hinsicht ein Forschungsfeld mit noch vielen offenen Fragen. Grundsätzlich fällt auf, dass viele Studien zu sozialen Medien eher quantitativ und weniger qualitativ orientiert sind. Sie arbeiten mit sehr großen Datenbeständen, die in der Regel automatisiert ausgewertet werden. Eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung mit der jeweiligen Kommunikation rückt damit aus dem Fokus. Die Untersuchung hat auch gezeigt, dass zum einen das in dieser Arbeit verwendete Erhebungsinstrument entsprechend neuer Erkenntnisse im Rahmen der Moral Foundations Theory aktualisiert werden sollte. Zum anderen könnten internationale Vergleiche interessante Ergebnisse hinsichtlich möglicherweise unterschiedlicher Verwendung von moralischen Bezügen in der Impfkommunikation und bei Fake News ergeben. Bei den sozialen Medien wäre auch insbesondere eine stärkere Erforschung der den Empfehlungs- und Suchsystemen zugrunde liegenden Algorithmen wünschenswert. Hinsichtlich der Kommunikationswirkung in der Gesundheitskommunikation wären mehr Experimente notwendig, um besser verstehen zu können, wie Effekte der Ablehnung vermieden werden können. Zudem: Die historische Betrachtung von Fake News und Impfgegnern hat noch viel Potential zur Vertiefung.
Martin Fensch
Kapitel 8. Fazit und Ausblick
Zusammenfassung
Bei Rezipienten von Fake News wird das „Lernen“ unterbunden, bestehende Urteile verfestigen sich, Positionen können sich nicht weiterentwickeln und an neue Umstände anpassen. Dies geschieht in zweierlei Hinsicht. Erstens: Die moralischen Bezüge der Fake News erzeugen unmittelbar Zustimmung oder Ablehnung, dies wiederum macht eine Verarbeitung von Informationen unwahrscheinlich, erschwert sie mindestens. Die Bereitschaft, gegenteilige, abweichende Informationen zu verarbeiten, sinkt; bestärkende, bestätigende Informationen dagegen werden gesucht. Zweitens: Der rekonstruktive Prozess der individuellen Wirklichkeitserzeugung wird fehlgeleitet. Fake News erzeugen keine oder falsche Rekonstruktionen, eine Optimierung des eigenen Wirklichkeitsbildes findet nicht mehr statt, da die falschen Informationen zu keiner besseren Anpassung an die reale Welt führen können. Der Mensch verliert Orientierung. Die Ausübung der Techniken der Wissens- und Wahrheitsfindung geraten unter Druck - zum einen ökonomisch, zum anderen untergraben Fake News das den Techniken und ihrer Akzeptanz zugrunde liegende Vertrauen mit erheblichen Auswirkungen für die Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten der Gesellschaft. In Anlehnung an Habermas kann von einem Post-Feudalismus gesprochen werden. Google, Facebook und Co. entziehen sich nicht nur der Verantwortung für die von ihnen verbreiteten Inhalte, sondern bestreiten im Grunde auch eine Beziehung zu den Millionen Nutzern, die ihre Plattformen erst mit Leben füllen. Abschließend skizziert die Arbeit Ansätze, um Qualitätsjournalismus und Techniken der Verifizierung und Falsifizierung zu stärken, Fake News effektiver zu bekämpfen und die Impfkommunikation zu optimieren.
Martin Fensch
Backmatter
Metadaten
Titel
News und Fake News zum Thema Impfen
verfasst von
Martin Fensch
Copyright-Jahr
2022
Electronic ISBN
978-3-658-38032-8
Print ISBN
978-3-658-38031-1
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-38032-8