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29.09.2021 | Plattformökonomie | Interview | Onlineartikel

"Kunden gewinnt man über einfache, digitale Prozesse"

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
5 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Michael Herschlein

ist Chief Executive Officer (CEO) bei Younited Credit.

Der Markt für Privatkundenkredite ist durch Plattformanbieter in Bewegung geraten. Wohin sich das Geschäft mit den digitalen Darlehen entwickelt und welchen Kooperationschancen sich für etablierte Institute bieten, erläutert Michael Herschlein, CEO von Younited-Credit Deutschland.

Springer Professional: Ihr Unternehmen ist als Verbraucherkreditplattform in Deutschland im Mai 2020 an den Start gegangen. Warum sind die ökonomischen Bedingungen für die digitale Kreditvergabe aktuell scheinbar so günstig?

Michael Herschlein: Die Pandemie hat großen Einfluss auf viele Bereiche des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland. Privatpersonen kümmerten sich in den vergangenen Monaten mehr denn je von zu Hause aus um ihre Angelegenheiten, nicht zuletzt im zunehmend digitalisierten Finanzbereich. Geschäftsmodelle wie unseres erfüllen in den aktuellen Lebensumständen eine wichtige Lücke. Der Kreditprozess findet von Beginn an ausschließlich digital statt und ermöglicht einen vollkommen papierlosen Kreditantrag, den man auch sicher vom Sofa aus ausfüllen kann.

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Kreditentscheidungen stellen hohe Anforderungen an das Finanzwissen und die mentale Leistungsfähigkeit des Kreditsuchenden. Sebastian Heim beschäftigt sich mit der Frage, wie ein potentieller Kreditnehmer bei der Suche von Kreditalternativen vorgehen sollte.

Wie sieht ihr klassischer Kunde aus?

Unsere Kunden sind Privatpersonen im Alter von 18 bis 80 Jahren, denen wir die Möglichkeit bieten, online Kredite in Höhe von 1.000 bis 50.000 Euro aufzunehmen. Sie haben dabei die Möglichkeit, die Kreditlaufzeit zwischen sechs und 84 Monaten selbst zu wählen. Im Juli haben wir eine europaweite Studie zu unserem Kundenstamm und ihrem Kreditverhalten durchgeführt. Dabei hat sich herausgestellt, dass unser durchschnittlicher Kunde überwiegend im Alter von 30 bis 39 Jahren ist und in der Regel aus einem stabilen finanziellen Hintergrund kommt. Das heißt, der Deutsche nimmt Kredite überwiegend zur Steigerung des persönlichen Komforts auf und ist nicht auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Wie steht es denn um das Finanzwissen der Nutzer?

Unsere Kunden sind gut informiert: Mehr als zwei Drittel verwenden das Internet, um sich verschiedene Kreditangebote einzuholen, sich einen Überblick über die Konditionen zu verschaffen und Anbieter miteinander zu vergleichen. Neben den günstigsten Konditionen sind auch eine schnelle Abwicklung und Auszahlung für deutsche Kreditnehmer ausschlaggebend. Deshalb werden die meisten Kreditanträge bei uns schon innerhalb von 24 Stunden geprüft. 

Wie unterscheiden sich die Anforderungen der Kunden in den einzelnen Ländern, in denen Sie aktiv sind?

Unsere Studie hat die Bedürfnisse der Kunden genau analysiert. Dabei konnten wir einige Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern feststellen. In allen fünf europäischen Ländern werden beispielsweise vorwiegend Kredite in Höhe von 5.000 bis 10.000 Euro angefragt. In Spanien und Portugal sind zudem Kleinkredite bis zu 3.000 Euro beliebt. Wir konnten außerdem feststellen, dass in Deutschland, Frankreich und Spanien die meisten Kredite immer noch bei der klassischen Hausbank angefragt werden. In Portugal und Italien zeigt sich hingegen ein deutlicher Trend zu spezialisierten Kreditinstituten.

Welche Besonderheiten gibt es noch?

Es fällt auf, dass Kreditnehmer in Frankreich, Deutschland und Spanien kurze Kreditlaufzeiten von unter zwei Jahren bevorzugen. In Portugal schließen mehr als ein Drittel (37 Prozent) Kredite mit bis zu sieben Jahren Laufzeit ab, während unsere italienischen Kreditnehmer eher zu einer Laufzeit von zwei bis vier Jahren tendieren. Die Deutschen und Franzosen nehmen ihre Kredite zum größten Teil für den persönlichen Komfort auf, im Gegensatz dazu lässt sich in sich den anderen drei europäischen Ländern beobachten, dass Kredite aufgrund von unvorhergesehenen Umständen aufgenommen werden. Man kann also feststellen, dass jedes unserer Länder vor eigenen Herausforderungen steht, aber auch viel von der Erfahrung der anderen Standorte lernen und profitieren kann.

Sie nehmen mit einem speziellen B2B-Angebot für E-Commerce-Plattformen und Einzelhändler ab dem kommenden Jahr auch Firmenkunden ins Visier. Diese können dann wiederum ihren Kunden eine Finanzierung von bis zu 48 Monaten anbieten. Ist der Handel quasi als Krisengewinner besonders interessant für Ihre Strategie?

Für uns steht dieser Geschäftsbereich in keinem Zusammenhang mit der Krise. Vielmehr wollen wir unser Portfolio erweitern, um auch B2B-Kunden mit unseren Lösungen umfassender betreuen zu können.

Mit Ihrer SaaS-Lösung haben Banken, Versicherer und anderen Fintechs ab diesem Jahr in Deutschland die Möglichkeit, ihre Kreditprozesse vollständig digital abzubilden. In Frankreich kooperieren Sie bereits mit Unternehmen wie Microsoft oder HSBC Frankreich. Nun gibt es immer noch Institute, die Vorbehalte gegenüber Fintech-Kooperationen hegen – nicht zuletzt wegen hoher regulatorischer Anforderungen. Wie überzeugen Sie Banken von einer Zusammenarbeit, statt eigene digitale Prozesse aufzusetzen?

Wir verfügen wir über eine europäische Bankenlizenz, können darüber hinaus auf umfassende technische Lösungen zugreifen und sind mit unserem Geschäftsmodell in ein internationales Netzwerk eingebunden. Das ermöglicht uns, den Banken und Finanzinstituten Lösungen anzubieten, die alle regulatorischen Anforderungen erfüllen. Anstatt selbst eine aufwendige firmeninterne Lösung zu entwickeln, begleitet sie unser Team durch den gesamten Prozess und unterstützt bei der Umsetzung.

Viele Plattformen versuchen derzeit, in Konkurrenz zu den Banken direkt in das Kreditgeschäft mit Firmenkunden einzusteigen. Sie positionieren sich als alternative Finanzierungspartner vor allem für den Mittelstand. Bonner Ökonomen haben deren Chancen untersucht und meinen, Fintechs können traditionelle Hausbanken nicht ausstechen, aber durchaus digitale Nischen bedienen. Wie beurteilen Sie die mittelfristigen Aussichten auf dem deutschen, aber auch dem europäischen Markt?

Es stimmt, dass bei einem Großteil der Banken auf dem deutschen Kreditmarkt die Digitalisierung noch nicht komplett umgesetzt wurde. Kunden gewinnt man heute vor allem über einfache, digitale Prozesse, bei denen sich etablierte Banken aufgrund ihrer veralteten IT-Struktur oft schwertun. Fintechs sind bereits zu Beginn komplett digital aufgesetzt. Als Konsequenz steigen die Nutzerfreundlichkeit und die Geschwindigkeit. Fintechs wie Younited haben sich auf das Kreditgeschäft spezialisiert und sind in dieser Kernkompetenz sicherlich ernstzunehmende Konkurrenten für Hausbanken.

Was heißt das für die etablierte Finanzbranche?

Es bietet sich durch unser B2B-Geschäft auch die Möglichkeit, mit den Banken zusammenzuarbeiten und Kooperationen einzugehen, bei der die Banken unsere digitalen SaaS-Lösungen bei sich integrieren können. Die Vorteile für Hausbanken bei diesen Kooperationen liegen primär in der Möglichkeit, sich von Anfang an hochdigitalisiert zu entwickeln, benutzerfreundlicher zu werden und ihr Angebot zu vergrößern.
 

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