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07.08.2019 | Stromnetze | Im Fokus | Onlineartikel

Trassenausbau als Flaschenhals der Energiewende

Autor:
Frank Urbansky

Das Energiesammelgesetz soll unter anderem den stockenden Netzausbau beschleunigen. Nötig ist dies, weil sonst Engpässe im Netz drohen. Nur über den Umfang sind sich Experten uneinig.

Erneuerbare Energien werden vor allem im Norden und Osten Deutschlands produziert, in den industriellen Schwerpunktregionen des Südens jedoch gebraucht. Zu lösen wäre dieses Dilemma entweder mit dezentralen Erzeugungskapazitäten vor Ort, die aber gerade in Süddeutschland auf große Vorbehalte stoßen, oder aber mit neuen Stromleitungen. "Der Trassenausbau gilt als Flaschenhals der Energiewende, er schafft die Voraussetzung zur Marktintegration der Erneuerbaren Energien", bringen dieses Dilemma die Springer-VS-Autoren Jan-Hendrik Kamlage, Ina Richter und Patrizia Nanz in ihrem Buchkapitel An den Grenzen der Bürgerbeteiligung: Informelle dialogorientierte Bürgerbeteiligung im Netzausbau der Energiewende auf Seite 627 auf den Punkt.

Empfehlung der Redaktion

2018 | OriginalPaper | Buchkapitel

An den Grenzen der Bürgerbeteiligung: Informelle dialogorientierte Bürgerbeteiligung im Netzausbau der Energiewende

Die Energiewende ist eines der ambitioniertesten politischen Transformationsvorhaben in der bundesdeutschen Geschichte (Ethikkommission Sichere Energieversorgung 2011). Die Systemtransformation ist eng verknüpft mit dem zeitlich darauf abgestimmten Um- und Ausbau der Stromnetzarchitektur. 


Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Höchst- und Hochspannungsnetzen, die auf 116.000 Kilometern Deutschland durchziehen. Das Energiesammelgesetz, 2018 verabschiedet, sieht mehrere Varianten für einen beschleunigten Ausbau bis 2021 vor, so etwa die Nutzung bisheriger Trassen sowohl für Gleich- als auch Wechselstrom.

Untere Netzebenen müssen eingebunden werden

Aber auch die Mittelspannungsnetze, die letztlich den Verteilnetzen zuliefern, benötigen mit ihren 517.000 Kilometern Leitungslänge eine passende Einbindung in dieses System. Und selbst für die unterste Ebene der Verteilnetze wird von einem Investitionsbedarf von gut 20 Milliarden Euro bis 2025 ausgegangen.

Mit diesem Netzsystem arbeiten derzeit rund 80 Stromgroßerzeuger, vier Übertragungsnetzbetreiber, 45 Stromgroßhändler, die Leipziger Energiebörse EEX, 900 Verteilnetzbetreiber und rund 1.200 Vertriebsgesellschaften in einem bisher einheitlichen Marktgebiet. Dieses soll nach dem Willen der EU jedoch in zwei Gebiete mit unterschiedlichen Preiszonen aufgeteilt werden. Hintergrund: Im Norden wird viel Windstrom und damit ein Überbedarf erzeugt, im Süden hingegen wird weniger Strom produziert als benötigt – auch durch das Abschalten der Atomkraftwerke. Thomas Bareiß, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, fordert auch deswegen einen beschleunigten Trassenausbau, weil dieser beide Marktgebiete nivellieren würde. Volkswirtschaftlich wäre das sinnvoll, weil in einem großen Marktgebiet deutlich günstigere Preise möglich wären als in mehreren kleinen.

Trassenausbau könnte kleiner erfolgen

Dennoch gib es auch Experten, die den Trassenausbau für überdimensioniert halten und auf dezentrale Lösungen setzen, so etwa Professor Michael Sterner von der OTH Regensburg. Er geht davon aus, dass die Potenziale erneuerbarer Energien etwa in Bayern groß genug sind, um das Land komplett mit Strom zu versorgen. Der regierungsnahe Think Tank Agora Energiewende forderte schon 2017 einen Ordnungsrahmen für dezentrale Stromversorgung und Entgelte, die sich nach der Nutzung der Transportleitungen bemessen. Eigenversorger und Nutzer regionaler Stromangebote würden dann profitieren, der überregionale Netzausbau könnte reduziert werden.

Doch selbst in diesem Falle braucht es zumindest eines regionalen Netzausbaus. Denn die wachsende Einkopplung erneuerbarer Energien kann nicht in die vorhandene Netzstruktur erfolgen. Es bedarf auch hier ertüchtigter Netze und digitaler Leitwarten, die schnell auf Netzengpässe reagieren – denn diese sind bei den erneuerbaren Energieformen Wind und PV nun mal durch deren fluktuative Erzeugung bedingt.

Auch wenn die Gefahr eines Blackouts allgegenwärtig ist, bisher ist die Energieversorgung mit durchschnittlich 12,8 Minuten Ausfall jährlich sehr sicher. Doch die Gefahr wächst mit steigenden Anteilen erneuerbarer Energien. "Die Stromeinspeisung aus den erneuerbaren Quellen […] erfolgt naturbedingt ohne Rücksicht auf den Verbrauch – dies hat Auswirkungen auf die Netzstabilität. Stromerzeuger auf Basis erneuerbarer Quellen genießen vereinfachte, schnelle Genehmigungsverfahren", beschreibt das Springer Vieweg-Autor Richard Zahoransky auf Seite 38 seines Buchkapitels Überblick, Energiequellen und Energiebedarf. Demgegenüber bestünden für den Ausbau von Höchst- und Hochspannungsleitungen aufwändige, längere Genehmigungsprozeduren. Wegen des aktuell ungenügenden Netzausbaus könne es zu Engpässen in der Stromlieferung, aber auch zu einer lokalen Überlastung des Netzes kommen, wobei letztere sich zu einem flächengroßen Black-Out ausweiten könnten.

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