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09.07.2021 | Verkehrssicherheit | Im Fokus | Online-Artikel

Gering erhöhtes Tempo entwertet Sicherheitsfortschritte

verfasst von: Christiane Köllner

3:30 Min. Lesedauer
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Geringe Geschwindigkeitserhöhungen haben große Auswirkungen auf die Unfallfolgen. Das entwertet die Fortschritte in der Fahrzeugsicherheit. Ein Aspekt, den es bei der aktuellen Diskussion um ein Tempolimit zu beachten gilt. 

Derzeit debattieren Politik und Wirtschaft aufs Neue über die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen. Denn viele Autofahrer fahren mit ihrem Fahrzeug schneller als die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit. Zahlreiche Daten, Argumente und Betrachtungen machen deutlich: Ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen hätte Auswirkungen auf die CO2-Emissionen und die Verkehrssicherheit. Über das Ausmaß der Auswirkungen herrscht allerdings Unsicherheit. Internationale Studien belegen jedoch im Allgemeinen, dass langsameres Fahren die Sicherheit verbessert und schnelleres Fahren das Gefährdungspotenzial im Verkehr erhöht.

Auch eine US-amerikanische Studie zeigt: Schon geringfügig höhere Geschwindigkeiten reichen aus, um das Risiko schwerer Verletzungen oder des Todes eines Fahrers zu erhöhen. Aktuelle Crashtests, die gemeinsam von der AAA Foundation for Traffic Safety, dem Insurance Institute for Highway Safety (IIHS) und Humanetics durchgeführt wurden, machen dies deutlich. Demnach erhöhen bereits wenige, zusätzliche km/h deutlich die Risiken für Autofahrer, bei einem Unfall verletzt zu werden oder diesen nicht zu überleben. "Wir haben diese Crashtests durchgeführt, um die Auswirkung von Geschwindigkeiten auf Fahrer zu bewerten und haben gelernt, dass eine kleine Erhöhung einen großen Unterschied bei den Schäden am menschlichen Körper machen kann", sagt Dr. David Yang, Geschäftsführer der AAA Foundation for Traffic Safety. 

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Verkehrssicherheit

Im Jahr 2016 kamen in Deutschland 3206 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen ums Leben und mehr als 396.000 Personen wurden auf deutschen Straßen verletzt. Die Zahl der Verletzten schwankt schon seit Jahren zwischen 350.000 und 450.000 Personen pro Jahr – der Handlungsbedarf der Verkehrssicherheitsarbeit ist nach wie vor sehr hoch.

Die AAA Foundation hat mit dem IIHS und Humanetics, einem Hersteller von Biofidel-Crash-Test-Dummys, zusammengearbeitet, um zu untersuchen, wie sich die Geschwindigkeit auf die Wahrscheinlichkeit und Schwere von Insassenverletzungen bei einem Unfall genau auswirkt. Dabei handelt es sich um Dummys, die "einerseits den Menschen bezüglich Körpergröße, Masse, Masseverteilung, Trägheitsmomenten und (sitzender) Körperhaltung abbilden und andererseits unter Belastung ein dem Menschen ähnliches biomechanisches Verhalten aufweisen", erklärt ein schweizerisch-kanadisch-US-amerikanisches Forscherteam im Kapitel Methoden der Trauma-Biomechanik des Buchs Trauma-Biomechanik

Auswirkungen auf die Unfallfolgen

Drei Honda CR-V EX Crossover (2010) wurden für die Crashtests ausgewählt, da sie mit 11,8 Jahren das Durchschnittsalter eines typischen Fahrzeugs auf US-Straßen repräsentieren und die beste Bewertung bei vom IIHS simulierten sogenannten moderaten Overlap-Frontalaufprall-Unfällen erhielten. Die Forschungstests wurden nach dem gleichen Protokoll durchgeführt, das für die IIHS-Bewertung der moderaten Überschneidung verwendet wird; nur die Geschwindigkeit wurde variiert. Mit einem Testdummy, der eine durchschnittlich große männliche Person auf dem Fahrersitz repräsentiert, wurden die Fahrzeuge so gecrasht, dass 40 Prozent der Fahrzeugfront auf der Fahrerseite die Barriere überlappten.

Bei den Tests zeigte sich: Je höher die Aufprallgeschwindigkeit war, desto mehr strukturelle Schäden und größere Kräfte auf den gesamten Körper des Dummys wurden festgestellt. Bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 40 mph (circa 65 km/h) gab es minimale Beeinträchtigungen des Fahrerraums. Bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 50 mph (circa 80 km/h) kam es jedoch zu einer deutlichen Deformation der Türöffnung auf der Fahrerseite, des Armaturenbretts und des Fußbereichs. Bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 56 mph (circa 90 km/h) wurde der Innenraum des Fahrzeugs erheblich beeinträchtigt, wobei die Sensoren des Dummys schwere Nackenverletzungen und die Wahrscheinlichkeit von Frakturen an den langen Knochen im Unterschenkel registrierten.

Fortschritte in der Fahrzeugsicherheit beeinträchtigt

Sowohl bei 50 mph (circa 80 km/h) als auch bei 56 mph (circa 90 km/h) führte die Aufwärtsbewegung des Lenkrads dazu, dass der Kopf des Dummys den ausgelösten Airbag durchstieß. Dies führte dazu, dass das Gesicht gegen das Lenkrad prallte. Messungen am Dummy ergaben ein hohes Risiko von Gesichtsfrakturen und schweren Hirnverletzungen.

Höhere Geschwindigkeiten heben die Vorteile von Fahrzeugsicherheitsverbesserungen wie Airbags und verbesserten Strukturkonstruktionen auf, fast Dr. David Harkey, Präsident des IIHS, die Ergebnisse zusammen. Je schneller ein Fahrer vor einem Aufprall fährt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er die Geschwindigkeit auf ein überlebensfähiges Maß reduzieren kann, selbst wenn er vor dem Aufprall noch bremsen kann. Sicherheitsexperten machen anhand der Tests deutlich, dass Geschwindigkeitsbegrenzungen, wenn sie richtig ein- und durchgesetzt werden, sowohl den Verkehrsfluss als auch die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer verbessern.

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