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25.03.2021 | Verwaltungsprozesse | Im Fokus | Onlineartikel

Finnland beendet IT-Vorzeigeprojekt bei Steuerbehörden

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
4 Min. Lesedauer

In einem Mammut-IT-Projekt hat der finnische Staat die Systemlandschaft seiner Steuerverwaltung auf einen einheitlichen Standard gehoben. Als Basis diente eine Open-Source-Lösung. Auch bei anderen Technologien setzen finnische Behörden auf innovative IT und sind damit Vorbild für Europa. 

Das finnische Wort "valmis" bedeutet zu deutsch "bereit". In einem sieben Jahre laufenden Projekt gleichen Namens hat die finnische Steuerverwaltung ihre Systeme und Prozesse auf Basis einer Open-Source-Technologie vereinheitlicht. Mitte März ist die hierbei eingesetzte Testautomatisierungslösung des finnischen Anbieters Qentinel "für die internationale Open-Source-Entwicklergemeinschaft freigeben" worden, so die finnische Behörde. 

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Als freie Softwarelizenzen sind alle Lizenzen zu betrachten, welche ohne Vergütung von ihren Urhebern zur Verfügung gestellt werden. Wird der Programmcode offen zur Verfügung und Bearbeitung gestellt, spricht man von „Open Source Software“ („OSS“ mit offenem Quellcode). 

Warum sich Finnland für eine Open-Source-Lösung entschieden hat, erläutert Jarkko Levasma, IT-Verantwortlicher und Chefentwickler der dortigen Steuerverwaltung: "In der Welt von Open Source ist es einfacher, den Quellcode zu überprüfen, weil eine ganze Community darauf schaut, im Gegensatz zu kommerziell entwickelter Software, bei der man sich darauf verlassen muss, dass das Unternehmen, das sie anbietet, seine eigenen Testprozesse hat." Das bedeute allerdings nicht, dass man sich damit für eine kostenlose Lösung entscheidet, betont Levasma. "Natürlich müssen Entwickler immer für ihre Bemühungen entlohnt werden."

Open-Source-Lösung bietet der Steuerverwaltung Flexibilität

Ein zentraler Vorteil der Lösung liegt laut Levasma darin, wie neue Funktionen über die Testautomatisierung hinaus hinzugefügt werden. "Von Anfang an wollten wir sicherstellen, dass unsere Testautomatisierung so flexibel wie möglich ist. Wenn wir zum Beispiel neue Software-Updates zu unserem System hinzufügen, reicht es aus, die Bibliotheken für die Testautomatisierung zu aktualisieren. Wir müssen die Testfälle nicht anfassen – das wäre ein wesentlich größerer Aufwand", ergänzt Kollege Janne Suortti, der für die Umsetzung des Projekts bei der finnischen Behörde verantwortlich zeichnet. 

Der Einsatz von Open-Source-Technologien in der Gentax-Lösung habe sich dabei als sehr vorteilhaft erwiesen. Ein weiterer wichtiger Faktor sei die Sicherheit. Das gelte allen voran für eine Behörde, die mit kritischen Systemen arbeitet. 

Die Cloud ermöglicht eine schnelle Skalierung

Nicht nur mit diesem Projekt nimmt die öffentliche Verwaltung Finnlands eine Vorreiterrolle in Europa ein. Das Land nutzt nach Behördenangaben bereits seit Jahren innovative Technologien wie zum Beispiel die Cloud. Ihr Ziel sind reibungslose und fehlerfreie Prozesse. "Die Durchführung der Testautomatisierung in zwei Umgebungen erfordert eine schnelle Skalierung, die nur in der Cloud möglich ist", erläutert Levasma. Dabei sei die Testautomatisierung eine kritische Funktion, wenn es um die Entwicklung der gesamten Systemlandschaft geht. Die Lösung müsse laufend an Gesetzesänderungen angepasst werden, was eine kontinuierliche Entwicklung und Prüfung erfordere. 

Insgesamt gilt Finnland als optimaler Standort für Rechenzentren, die in ein globales Firmennetz oder in einen Public-Cloud-Service eingebunden sind. Laut dem Fachportal "CIO" sind hierfür unter anderem die Infrastruktur mit ultraschnellen Glasfaserverbindungen nach Europa und günstige Strompreise ausschlaggebend. Mit ihrem neuen Arctic-Connect-Unterwasserglasfaserkabel will Finnland zudem Europa und Asien auf dem Meeresgrund entlang der Nördlichen Seeroute verbinden. Das Projekt basiert auf einer Initiative des finnischen Ministeriums für Verkehr und Kommunikation und wird vom staatlichen finnischen Infrastrukturbetreiber Cinia umgesetzt.

Finnlands Vorteile als Standort für Cloud-Provider

Für alle EU-basierten Cloud-Provider hat Finnland laut "CIO" den entscheidenden Vorteil, dass dort kein Datenzugriff aufgrund des amerikanischen CLOUD-Act möglich ist und dass diese Provider ihren Kunden die volle EU-Daten-Governance zusichern können. Genau diese Unabhängigkeit ist auch für die deutsche Steuerverwaltung und andere Behörden von zentraler Bedeutung, wie Neele Piepjohn, Mitarbeiterin im Bereich Verwaltungsentwicklung, im Buchkapitel "Fit für den digitalen Wandel in Kommunen" (Seite 134 f.) berichtet: 

"Was die Verwaltung selbst betrifft, sehe ich die Abhängigkeit von großen IT-Konzernen als Problem. Diese Abhängigkeit betrifft auch die Privatwirtschaft, aber im Verwaltungskontext finde ich sie noch problematischer. Nimmt man zum Beispiel SAP oder Microsoft, dann sind das Anwendungen, die von jeder Kommune genutzt werden. Aufgrund ihrer Marktmacht können die Konzerne Bedingungen diktieren, sodass plötzlich Daten in Clouds auf amerikanischen Servern liegen."

ELSTER und ELMA5 sind Schnittstellen deutscher Steuerverwaltung

Konkret existieren heute in der deutschen Steuerverwaltung digitale Schnittstellen, die von Steuerpflichtigen bedient werden müssen, stellen Filip Fatz, Philip Hake und Peter Peter Fettke im Buchkapitel "Blockchain-Nutzung im Steuerbereich" (Seite 155) fest. "So hat die deutsche Steuerverwaltung im Zuge der Modernisierung mit der elektronischen Steuererklärung (ELSTER) eine Schnittstelle zur teilweisen Abwicklung des Besteuerungsverfahrens geschaffen. Durch sie sollen Aufwände seitens der Unternehmen und Steuerberatungskanzleien reduziert und die Effizienz des Besteuerungsverfahrens gesteigert werden." 

Ein ähnlicher Ansatz werde mit der Massendatenschnittstelle ELMA5 des Bundeszentralamts für Steuern verfolgt. Sie ermöglicht Unternehmen laut der Springer-Autoren beispielsweise die Übermittlung zusammenfassender Meldungen im Massenverfahren. Weitere Beispiele für Schnittstellen sind ihnen zufolge 

  • das Bestätigungsverfahren ausländischer Umsatzsteuer-Identifikationsnummern
  • sowie auf europäischer Ebene das Mehrwertsteuer-Informationsaustauschsystem (MIAS). 

"Die vorgestellten Systeme ermöglichen zwar einen Datenaustausch zwischen Unternehmen und Behörden, stellen jedoch nur teilweise Bestätigungen für den Erhalt von Daten und Anfragen aus. Über den reinen Datenaustausch hinaus erfolgt bisher keine softwaretechnische Unterstützung, die bereitgestellte Daten bewertet und Unternehmen unmittelbar die Konformität eines Geschäftsfalls bestätigt."

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