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2021 | Buch

Kontinuitäten der Stigmatisierung von ,Asozialität'

Perspektiven gesellschaftskritischer Politischer Bildung

herausgegeben von: Dr. Helga Amesberger, Judith Goetz, Dr. Brigitte Halbmayr, Prof. Dr. Dirk Lange

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

Buchreihe : Citizenship. Studien zur Politischen Bildung

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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Kontinuitäten der Stigmatisierung von ,Asozialität‘. Einführende Perspektiven im Kontext gesellschaftskritischer Politischer Bildung
Zusammenfassung
„Ich finde es eine Infamie, mich als asoziales Element hinzustellen.“ Mit diesen Worten protestierte Leopoldine Sch. im Jahr 1983 gegen die – wiederholte – Ablehnung der Opferfürsorgebehörde, sie als Verfolgte des Nationalsozialismus anzuerkennen.
Helga Amesberger, Judith Goetz, Brigitte Halbmayr, Dirk Lange
Zielgruppen und Unrechtscharakter der ‚vorbeugenden Verbrechensbekämpfung‘ im Nationalsozialismus
Zusammenfassung
Bei den Begriffen ‚Asoziale‘ und ‚Berufsverbrecher‘ (Beide Begriffe werden hier verwendet, weil eine Geschichte der ‚vorbeugenden Verbrechensbekämpfung‘ auf die historiografisch korrekte Benennung ihrer Hauptzielgruppen angewiesen ist. Zum Zeichen der Distanzierung vom pejorativen Gehalt der Ausdrücke stehen sie in Anführungszeichen. Auf den Gender-Star wird bei Begriffen des Nazi-Vokabulars hingegen bewusst verzichtet, weil ihre Transferierung in eine geschlechtergerechte Sprache meines Erachtens hinterrücks zu einer Wiederaneignung problematischer Quellenbegriffe führen würde.), welche die Hauptzielgruppen der ‚Vorbeugungshaft‘ bezeichneten, handelte es sich um ‚kriminologisch-rassenhygienische‘ Konstrukte, die zugleich verwaltungsrechtliche Erfordernisse bedienten. Der Artikel fragt danach, welche sozialen Gruppen erfasst und wie im ‚Vorbeugungshaftverfahren‘ konkrete Personen durch gezielte Zuschreibungen zu ‚Asozialen‘ bzw. ‚Berufsverbrechern‘ erklärt wurden. Abschließend wird gezeigt, wie der Unrechtscharakter der ‚Vorbeugungshaft‘ zum Gegenstand der Menschenrechtserziehung gemacht werden könnte.
Julia Hörath
Arbeitsmoral und Sexualität im Visier der Behörden. Die NS-Verfolgung von Frauen als ‚Asoziale‘ und die Kontinuitäten der Ausgrenzung
Zusammenfassung
Die Zuschreibungen gegenüber Frauen als ‚Asoziale lassen sich unter den beiden Begriffen ‚arbeitsscheu‘ und ‚moralisch verkommen‘ subsumieren. Die Etikettierung als ‚asozial‘, an der zahlreiche NS-Institutionen beteiligt waren, konnte zu Einweisungen in Erziehungsheime, Arbeitsanstalten und Konzentrationslager führen. Auch von Zwangssterilisation waren die Frauen betroffen. Der Beitrag zeigt nicht nur diese Verfolgungsmaßnahmen sondern auch die Fortsetzung der Stigmatisierung in der Nachkriegszeit auf und widmet sich abschließend Zugängen der schulischen Auseinandersetzung mit dem Thema.
Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr
‚Behinderung‘ und ‚Asozialität‘: Zur Konstruktion einer Beziehungsgeschichte
Zusammenfassung
Beispielhaft Bezug nehmend auf die Ersatzerziehung von Minderjährigen in Österreich wird anhand historischer Wurzelstücke die Beziehung zwischen ‚Asozialität‘ und ‚Behinderung‘ analysiert. Dabei wird gezeigt, dass es sich bei beiden um soziale Konstruktionen handelt, die über weite Strecken ähnliche Mechanismen der sozialen Exklusion nach sich ziehen, hinsichtlich ihrer Adressat*innengruppe mitunter deckungsgleich sind sowie sich durch Intersektionen in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen und daraus resultierenden individuellen Erfahrungen erheblich verstärken.
Gertraud Kremsner
Von einer Lücke – und warum es wert wäre, sie zu schließen. ‚Asozialität‘ als vernachlässigtes Thema der historisch-politischen Bildung
Zusammenfassung
In der schulischen Vermittlungsarbeit zum Nationalsozialismus wird die Verfolgung von Menschen als ‚Asoziale‘ höchstens erwähnt, meist aber gänzlich ausgeblendet. Dieser Beitrag versucht einen Einblick in den Status quo der Vermittlungsarbeit zum Themenfeld ‚Asozialität‘ in Österreich zu geben – immer wieder auch mit einem Blick auf die Situation in Deutschland – und der Frage nachzugehen, welche Themengebiete und Aspekte sich auf historischer sowie aktueller Ebene behandeln lassen, wenn man historisch-politische Bildung zum Stigma ‚Asozialität‘ betreibt. Es werden Möglichkeiten einer didaktischen Umsetzung, aber auch spezifische Herausforderungen, die das Thema mit sich bringt, benannt.
Elke Rajal
Der Dokumentarfilm „…dass das heute noch immer so ist – Kontinuitäten der Ausgrenzung“ als Möglichkeit zur politischen Bildung
Zusammenfassung
Der Film „…dass das heute noch immer so ist – Kontinuitäten der Ausgrenzung“ (2016) zeigt die Erfahrungen der Überlebenden des Jugendkonzentrationslagers für Mädchen und junge Frauen Uckermark Maria Potrzeba: Sie wurde als sogenannt asozial stigmatisiert. Die Diskriminierung und Verfolgung Marias zieht sich wie ein roter Faden durch die Familiengeschichte. Der Schwerpunkt liegt auf den bis heute andauernden Kontinuitäten von Klassismus. Dem Anti-Bias-Ansatz folgend beschäftigt sich der Artikel mit der Möglichkeit, den Film in der antidiskriminierenden Bildung einzusetzen.
Heike Rode
„Schulterschluss gegen kriminelle Bettler-Banden“ – Antiziganistische Diskurse in Österreich
Zusammenfassung
Armutsbetroffene Menschen aus anderen EU-Staaten, die in öffentlichen Räumen um Geld betteln, sorgen in Österreich seit Jahren für Debatten, die häufig in Verschärfungen von Bettelverboten münden. Diese Debatten werden analysiert und in den Kontext der Thematik dieses Buches eingeordnet. Des Weiteren wird gezeigt, inwiefern antiziganistische Vorstellungen in diesen Diskursen wirksam sind. Die Bettelverbote werden anhand von Beispielen einer kritischen Analyse unterzogen. Abschließend werden Anregungen zur Bearbeitung des Themas in der politischen Bildung gegeben.
Ferdinand Koller
Mechanismen des kommunalen Antiziganismus: Neue Grenzziehungspraktiken am Beispiel einer westdeutschen Großstadt – ein Forschungswerkstattbericht
Zusammenfassung
Unter Schlagworten wie ‚Armutszuwanderung aus Südosteuropa‘ entwickelte sich verstärkt seit 2013 ein politischer Abwehrdiskurs in Bezug auf die EU-Binnenmigration aus Rumänien und Bulgarien. Ausgehend von der These, dass es – als Gegenbewegung zum Abbau territorial-nationaler Grenzen innerhalb der Europäischen Union – zu neuen Praktiken kommunaler Grenzziehung kommt, gehen wir der Frage nach deren Mechanismen auf den Grund. Hierfür untersuchen wir am Beispiel einer deutschen Großstadt die Etablierung einer exkludierenden ‚Unbequemlichkeitskultur‘. Auf Basis von geführten Interviews mit kommunalen Akteur*innen aus dem städtischen Unterbringungsbereich diagnostizieren wir einen arbeitsteiligen Prozess des institutionellen Antiziganismus, der sich in desintegrierend-segregierten Unterbringungen in städtischer Randlage materialisiert.
Tobias Neuburger, Christian Hinrichs
Der Alltag von Bettler*innen in Wien – Betroffene zu Wort kommen lassen
Zusammenfassung
Im Austausch mit Menschen, die betteln müssen, wird schnell deutlich, dass ihr Alltag von Existenzängsten, Stress und Überlebensstrategien geprägt ist. Dabei spielt das Thema Betteln als Arbeit und Existenzsicherung eine entscheidende Rolle. Bei ihren Berichten dominieren Themen, die sich um den Kampf um Wohn- und Lebensverhältnisse drehen. Ihr Lebensumfeld begegnet dieser Personengruppe mit zahlreichen Vorurteilen und Erniedrigungen. Diese machen es für die Betroffenen besonders schwer, ihren Handlungsspielraum zu erweitern und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
Martina Kempf-Giefing, Annika Rauchberger
Obdachlosenfeindlichkeit. Von gesellschaftlicher Stigmatisierung bis zu Hasskriminalität
Zusammenfassung
Wohnungs- und obdachlose Menschen erleben in Deutschland massive gesellschaftliche Abwertung und Ausgrenzung. Dabei wirken nicht revidierte Vorurteile in Form von Zuschreibungen aus der Vergangenheit fort. Politik und Medien befeuern die so entstehende gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
Susanne Gerull
„Wer nicht arbeitet, soll nicht…“ – Antiegalitarismus, Naturalisierung und Sozialdarwinismus als zentrale Merkmale rechtsextremer Ideologie
Zusammenfassung
Die Ideologie des Rechtsextremismus lässt sich als naturalisierende Weltanschauung charakterisieren, der zufolge die Menschen von Natur aus ungleich seien. In dieser Biologisierung des Sozialen erscheint die Gesellschaft unveränderbar und dementsprechend auch das Schicksal sowie die Aufgabe der imaginierten ‚Volksgemeinschaft‘ vorherbestimmt. Sozial Schwächere oder gesellschaftlich an den Rand gedrängte Gruppen haben in rechtsextremen Gesellschaftskonzeptionen meist keinen Platz. An der Vorstellung, dass es sich um ‚Minderwertige‘, ‚Überflüssige‘ oder ‚Sozialschmarotzer*innen‘ handeln würde, die der Gesellschaft lediglich Kosten verursachen, ohne ihr zu nutzen, zeigt sich die Menschenverachtung dieses Weltbilds.
Im Beitrag werden Antiegalitarismus und Naturalisierung von Ungleichheit als zentrale Merkmale rechtsextremer Ideologie bestimmt, die sich bis zum Sozialdarwinismus steigern lassen. Ausgehend von einem Blick auf die Kontinuitäten der Stigmatisierung werden die Legitimationsideologie der gesellschaftlichen Produktion von Ungleichheit und die darauf basierenden Herrschaftsverhältnisse sichtbar gemacht. Abschließend widmet sich der Text der Frage, wie eine Auseinandersetzung mit den beschriebenen Themen in der Schule aussehen könnte.
Judith Goetz
Identität und Image durch ‚Asozialität‘. Selbstinszenierung im Deutschrap
Zusammenfassung
Der folgende Beitrag widmet sich der Fragestellung, inwiefern sich die Bedeutung des Begriffes ‚asozial‘ im Kontext von Deutschrap gewandelt hat. Um dieser Frage nachzugehen wurden sechs Texte populärer Deutschrapper mittels Framing-Analyse untersucht. Im Ergebnis wird deutlich: Innerhalb des Deutschraps hat sich ein eigenes Verständnis von ‚Asozialität‘ entwickelt, welches den Regeln der Szene unterliegt.
Tobias Wiese
Metadaten
Titel
Kontinuitäten der Stigmatisierung von ,Asozialität'
herausgegeben von
Dr. Helga Amesberger
Judith Goetz
Dr. Brigitte Halbmayr
Prof. Dr. Dirk Lange
Copyright-Jahr
2021
Electronic ISBN
978-3-658-32449-0
Print ISBN
978-3-658-32448-3
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-32449-0