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30.09.2015 | Management + Führung | Interview | Onlineartikel

"Ignoranz versucht, einen anderen zum Nichts zu machen"

Autor:
Andrea Amerland

Sie wirken auf den ersten Blick harmlos: Ignoranzfallen am Arbeitsplatz. Dabei handelt es sich um Mobbing, um subtile seelische Gewalt, die Mitarbeitern an die Nieren geht. Springer-Autorin Lilo Endriss erklärt im Interview warum Ignoranzfallen so tückisch sind.

Springer für Professionals: Sie übertragen den Begriff 'Ignoranzfalle' aus der Psychologie in die Arbeitswelt. Was versteht der Psychologe darunter und wie funktionieren Ignoranzfallen in der Berufswelt?

Lilo Endriss: Das Wort Ignoranzfalle ist in diesem Zusammenhang eine eigene Wortschöpfung und soll darauf hinweisen, dass ein Angreifer das Selbstwertgefühl des anderen mittels entwertender Verhaltensweisen untergraben und ihn damit schachmatt setzen kann, wenn dieser dieses üble Spiel nicht durchschaut. Werden von einer Person entwertende Verhaltensweisen auf Dauer und absichtlich einer anderen Person gegenüber eingesetzt, dann sprechen Psychologen von subtiler seelischer Gewalt, die das Ziel hat, den Angegriffenen zu zermürben. Dies ist eine Sonderform des Mobbing.

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Warum sind diese Ignoranzfallen in der Arbeitswelt so problematisch?

Ignorante Verhaltensweisen wie jemanden auszugrenzen oder durch Nichtbeachtung zu strafen sind mittlerweile sehr stark verbreitet, gehören in manchen Bereichen des Berufslebens schon fast zum Stil des Hauses. Auf der anderen Seite weiß man nicht erst seit Joachim Bauers Veröffentlichungen zum Thema "Spiegelneuronen", wie wichtig das emotionale Mitschschwingen, die Empathie, für das Selbstbild und ein gesundes Selbstwertgefühl des Menschen ist. Selbst Kritik oder verbale Angriffe nehmen das Gegenüber noch als existent an. Ignoranz versucht, einen anderen zum Nichts zu machen. Was viele Menschen nicht wissen: Die dadurch ausgelösten Kränkungen und Ohnmachtsgefühle können krank machen. So entstehen dem Unternehmen nicht nur zusätzliche Kosten, sondern sie verlieren auch wertvolle Mitarbeiter.

Nicht Zuhören, Anfragen nicht beantworten, zum Meeting ohne Absage nicht erscheinen etc. sind Verhaltensweisen, die gerne mit Überlastung und Arbeitsdichte entschuldigt werden. Ist das wirklich die Hauptursache für diese subtile Form des Mobbing oder gibt es noch andere Gründe?

Natürlich gibt es unverfängliche Gründe, warum ein Mitarbeiter sich gelegentlich ignorant verhält, etwa dadurch, dass er schlecht hört oder sieht. Oder weil er unter Reizüberflutung leidet oder kein Typ für Multitasking ist. Hier muss man diagnostisch genau unterscheiden. Problematisch wird es, wenn der Ignorant sich absichtlich entwertend verhält, etwa weil er das Bedürfnis hat, die Vitalität des Anderen zu schmälern oder weil Neid, Eifersucht und Rache eine Rolle spielen. Dazu kommt auch noch jede Form von Suchtverhalten wie etwa der gesellschaftlich akzeptierte Alkoholkonsum oder leistungssteigernde Mittel. Gerade besonders feinfühlige kreative Mitarbeiter werden gerne heimlich ins Visier genommen, da sie häufig arglos sind und niemals auf die Idee kommen, dass man ihnen persönlich übel will.

Was können Personalverantwortliche gegen das Ignoranz-Problem tun?

Personalverantwortliche sollten Betroffene und deren Gefühle ernst nehmen, sich mit den psychologischen Mechanismen dieses Problems vertraut machen, die Auswirkungen auf die Gesundheit der Mitarbeiter kennen und überprüfen, ob tatsächlich subtile seelische Gewalt vorliegt. Denn leider wirkt Ignoranz auch dann, wenn sie unbeabsichtigt geschieht … Am effektivsten ist natürlich, möglichst viel Transparenz und Wissen zu diesem Thema in das Unternehmen hineinzubringen. Falls dies nicht möglich ist, sollten sie zur Stützung von Mitarbeitern Fachleute zu Rate ziehen.

Wie können sich Mitarbeiter gegen subtile seelische Gewalt schützen?

Betroffene sollten das Ignoranz-Problem erkennen und benennen können. Wichtig ist dann, dass sie es sich angewöhnen, weniger darauf zu achten, dass Ignoranz ausgeübt wird, sondern wie sie eingesetzt wird. Wenn man lernt, sozusagen durch die diagnostische Brille zu schauen, dann gewinnt man Abstand zur Verwicklung in entwertende Situationen. Des Weiteren hilft es, sich einmal klar zu machen, inwieweit das Selbstwertgefühl tatsächlich am Arbeitsplatz von der Anerkennung und Bestätigung einer dafür ungeeigneten Person abhängig ist. Ein kompetenter Gesprächspartner innerhalb oder außerhalb kann einem dabei oft den Rücken stärken.

Dummerweise sind es oft die Führungskräfte selbst, die ihre Mitarbeiter nicht wahrnehmen, an sie adressierte Probleme nicht lösen und Reaktionen verweigern. Was raten Sie in diesen Fällen?

Dokumentieren Sie sämtliche Vorfälle, damit Sie etwas in der Hand haben, falls es etwa zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen kommen sollte. Verändern Sie Ihre Art, mit Ihrem Vorgesetzten zu kommunizieren: Fordern Sie höflich, aber nachdrücklich Reaktionen ein, notfalls mit ungewöhnlichen Mitteln. Hinterfragen Sie Ihre Haltung gegenüber von Autoritäten. Suchen Sie sich Verbündete, damit Sie Zeugen dieser Art von Kommunikation haben. Und verzichten Sie darauf, solche Situationen allein durchstehen zu müssen.

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Ignoranzfallen unter der Lupe

Was Ignoranzfallen sind und wie sie funktionieren
Quelle:
Ignoranzfallen am Arbeitsplatz

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Der Zusammenhang zwischen Selbstbild und sozialem Umfeld

Was Personalverantwortliche über die Entstehung der Ich-Identität wissen sollten
Quelle:
Ignoranzfallen am Arbeitsplatz

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Gegenstrategien gegen Ignoranten

Mitarbeiter darin unterstützen, die Interaktion mit dem Angreifer zu verändern
Quelle:
Ignoranzfallen am Arbeitsplatz

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Gegenstrategien im Inneren

Mitarbeiter darin unterstützen, ihre innere Haltung zu verändern
Quelle:
Ignoranzfallen am Arbeitsplatz

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