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24.01.2023 | Beteiligung | Interview | Online-Artikel

"Megatrends passen zur Investmentorientierung von SFOs"

verfasst von: Angelika Breinich-Schilly

5:30 Min. Lesedauer
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In Zeiten multipler Krisen brauchen professionelle Investoren eine ruhige Hand und strategischen Weitblick. Warum sich Single Family Offices (SFOs) derzeit an grünen Technologien, digitalen Geschäftsmodellen oder Medizin orientieren, erläutert Justus Jandt, Partner bei Roland Berger, im Interview.

Springer Professional: Ihre aktuelle Studie in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat ergeben, dass nach der Pandemie nun unter anderem der Krieg in der Ukraine, Engpässe bei Energie und Rohstoffen, aber auch die Inflation und Zinserhöhungen zu neuen Herausforderungen im Asset Management führen. Können Sie die aktuelle Stimmungslage kurz zusammenfassen?

Justus Jandt: Selbstverständlich gehen die derzeitigen multiplen Krisen auch an Single Family Offices nicht spurlos vorüber. Sie geraten durch die Ungewissheiten zunehmend unter Druck und müssen ihre Investmentstrategie auf den Prüfstand stellen, um Vermögenserhalt und -mehrung weiterhin sichern zu können. Aber SFOs können mit der richtigen Anlagestrategie auch gestärkt aus der Krise hervorgehen. 

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Das Kernziel eines Family Offices sollte eine klare Trennung von Privatvermögen und operativer Tätigkeit sein. Nicht zu Unrecht behaupten viele, dass Investieren eine Kunst und keine Wissenschaft darstellt - und diese besteht darin, immer wieder Anpassungen vorzunehmen und Grundwahrheiten unabhängig von der jeweiligen Entwicklung treu zu bleiben. 

Bitte schildern Sie uns, warum die Pandemie, die ja über zwei Jahre zu Verwerfungen an den Kapitalmärkten und zu Ausfällen in den Wertschöpfungs- und Lieferketten der Beteiligungsunternehmen geführt hat, mittlerweile in den Hintergrund gerückt ist? 

Die meisten Beteiligungsunternehmen haben schon frühzeitig Maßnahmen ergriffen, um die negativen Auswirkungen durch die Pandemie managen zu können. Sei es, dass sie ihr Angebot angepasst oder Prozesse neu aufgestellt haben. Das erklärt aus unserer Sicht auch, dass fast drei Viertel der Befragten den Einfluss der pandemischen Situation auf das aktuelle Marktumfeld nur noch als gering einschätzen. Unternehmen wie Investoren haben mittlerweile besser gelernt mit der Pandemie zu leben und zu arbeiten, und somit erscheinen ihnen zukünftige Risiken leichter einschätzbar. Vielmehr müssen sie sich momentan mit der Energie- und Rohstoffkrise, geopolitischen Verwerfungen und steigenden Zinsen gleichzeitig auseinandersetzen. Das sind viele Themen auf einmal, die sich gegenseitig bedingen. So etwas hat es in der Form noch nie gegeben und erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und strategischer Weitsicht.

Enorme geopolitische Umbrüche, eine hohe Inflation und die Zinswende haben die Weltwirtschaft in den vergangenen Monaten belastet. Für 2023 rechnen viele Experten mit einer mindestens leichten Rezession. Welche Auswirkungen haben diese zum Teil massiven Veränderungen aus Sicht der Vermögensverwalter auf die einzelnen Assetklassen? 

Den stärksten Zuwachs erwarten die Befragten im Bereich der Direktbeteiligungen. Diese erlauben selbst proaktiv an Entscheidungen mitzuwirken, was für viele SFOs besonders in solchen Zeiten wichtig ist. Auch wenn die gestiegenen Zinsen Transaktionen erschweren, können sie sich im aktuellen Umfeld von Wettbewerbern im Private Equity (PE) gut abheben: Mit einem längeren Anlagehorizont und typischerweise höherem Eigenkapitalanteil können sich SFOs differenzieren.

Zudem verschiebt sich der Investitionsfokus. Dieser liegt nun hauptsächlich bei grünen Technologien, Medizin und Gesundheit sowie IT und digitalen Geschäftsmodellen. Diese Megatrends sind weniger von den aktuellen Herausforderungen betroffen. Sie passen daher gut zur eher langfristigen Investmentorientierung von SFOs. Aktien mit einer niedrigen Bewertung und stabilen Erträgen sind jedoch ebenfalls interessant für die Studienteilnehmer.

Mit welchen Anpassungen der Asset Allokation reagieren die Family Offices? Gibt es dabei verschiedene Lösungsansätze?

Viele Assetklassen mit attraktiven Renditen, die bislang eher als 'sicher' galten, kommen heute aufgrund der gestiegenen Inflation bei den Studienteilnehmern weniger infrage. Dazu gehören zum Beispiel festverzinsliche Anlagemöglichkeiten. Die Befragten erwarten für Direktbeteiligungen über alle Assetklassen hinweg den stärksten Zuwachs. Fast die Hälfte plant, vermehrt in diese Kategorie zu investieren. 

Auch im Bereich Venture Capital wollen rund 40 Prozent der SFOs ihr Engagement erhöhen. Start-ups sind aufgrund ihrer niedrigeren Bewertungen im Vergleich zu etablierten Unternehmen eine attraktive Investmentoption. Allerdings sind Investments in junge Unternehmen typischerweise mit höheren Risiken verbunden.

Außerdem existieren mit dem jeweiligen Investmentfokus sowie einer stärkeren Vernetzung mehrerer Family Offices, etwa im Wege eines sogenannten Club Deals, weitere Hebel, um die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern. Welche sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Vorteile von Club Deals? 

Ein klarer Vorteil von Club Deals ist die Bündelung von Kapital und Know-how. Vor dem Hintergrund der aktuell immer noch hohen Bewertungen sind oft Investitionssummen erforderlich, die von einem einzelnen SFO nicht aufgebracht werden können. Um auch größere Investitionsprojekte durchführen zu können, schließen sich vor allem kleinere SFOs zusammen und bündeln ihr Kapital im Rahmen eines Club Deals. So können Transaktionen leichter realisiert, Wissen projektbezogen ausgetauscht und Risiken diversifiziert werden. Gerade bei komplexen Transaktionen kann dies der Schlüssel zum Erfolg sein. Denn man darf nicht vergessen: SFOs stehen bei Direktbeteiligungen immer im Wettbewerb mit PEs, die über viel Erfahrung verfügen und den Merger-&-Acquisitions-Markt sehr gut kennen. Ein weiterer Vorteil ist sicherlich, dass die gestiegenen Kosten und Zinsen auf mehreren Schultern verteilt werden können. Club Deals werden wir daher künftig immer wieder sehen.

Ihre Umfrage hat auch ergeben, dass die nachrückende Generation von Familienunternehmern durchaus eine andere Sicht auf die Dinge hat und sich aktiver einbringen will. Was bedeutet das für die aktuelle Investmentstrategie?

Jüngere Generationen legen mehr Wert auf Nachhaltigkeit und Zukunftstechnologien. Die Einhaltung von ESG-Kriterien - also Kriterien mit Blick auf Umwelt-, soziale Belange sowie gute Unternehmensführung - wird bei der Auswahl potenzieller Investments deshalb immer wichtiger. Das ist auch ein Grund, weshalb sich der Branchenfokus zunehmend ändert und neue Geschäftsmodelle, die nichts mit dem ursprünglichen Familienunternehmen zu tun haben, in den Vordergrund rücken. Jüngere Generationen investieren also verstärkt in Branchen, die besser in ihr Wertesystem passen und geeigneter erscheinen, langfristig zum Erfolg des SFOs beitragen zu können. Allerdings wird es damit umso wichtiger, dass vor dem Investmentprozess klare Auswahlkriterien festgelegt werden, um geeignete Zielunternehmen überhaupt richtig bewerten und auswählen zu können. 

Wie werden sich mittel- und langfristig die Geschäftsmodelle und der Branchenfokus der Family Offices verändern?

Unsere aktuelle Umfrage zeigt, dass die Asset Allokation zunehmend so ausgestaltet wird, dass eine aktivere Steuerung der Investments möglich wird, wie etwa bei Direktbeteiligungen. Jüngere Generationen können dadurch unternehmerisch tätig sein und, unabhängig vom Familienunternehmen, ihre individuellen Akzente setzen. Der neue Investmentfokus, wie bereits oben genannt, zum Beispiel auf grüne Technologien spiegelt diesen Trend bereits wider. Dies heißt aber auch, dass die Prozesse und die Governance an die neuen Investitionsziele angepasst werden müssen. Denn nur so wird eine Mitwirkung überhaupt erst möglich.

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